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I. Abteilung. Abhandlungen.
Volubilität der Zunge nicht hinreicht, sie alle auszusprechen, und daß es auch
bei der größten Aufmerksamkeit unmöglich ist, sie zu verfolgen."
Ohne Zweifel liegen allen diesen Zuständen der erhöhten Schnelligkeit des
Gedankenlaufs physiologische Ursachen zu Grunde, und man wird nicht irre gehen,
wenn man für die gleichen Erscheinungen des Traumlebens ähnliche Ursachen an-
nimmt. Worin diese bestehen, ist noch nicht genügend aufgeklärt. Jedenfalls
aber ist die auffallende Ähnlichkeit gewisser Traumvorgänge mit krankhaften Zu
ständen ganz dazu angethan, vor übereilten Schlüssen auf eine angebliche Erhaben
heit der träumenden Seele über Zeit und Raum dringlich zu warnen.
(Schluß folgt).
Der Gesichtsausdruck in seiner Bedeutung für die
Erziehung.
Von Otto Kniebe. Neunkirchen.
Motto: In jedes Menschen Gesichte
Steht seine Geschichte,
Sein Haffen und Lieben
Deutlich geschrieben.
Sein innerstes Wesen
Es tritt hier ans Licht,
Dock nicht jeder kann's lesen,
Verstehn jeder nicht. (Mirza-Schaffy.)
Vor einiger Zeit wohnte ich dem Unterrichte eines mir bekannten Kollegen
bei, der nicht mit Unrecht in dem Rufe eines tüchtigen Lehrers steht. Obwohl
ich hatte versprechen müssen, strenge Kritik zu üben, fand ich doch keine Schuld
an ihm, und mein hämischer Stift feierte. Schon neigte sich der Unterricht seinem
Ende zu, als plötzlich ein grimmiges Lächeln die Züge meines Freundes über
flog, und er einem Allotria treibenden Schüler zurief: „Maier, komm doch mal
raus!" Maier erschien, und sein Gesicht sagte mir, daß er eine verdiente Strafe
fürchte, die ihm denn auch in Form einer Ohrfeige zu teil ward.
Selbstverständlich wurde Maier durch dieses Ereignis nicht gerade freudig
gestimmt, und der trübe Ausdruck seines Antlitzes spiegelte in nicht zu verstehen
der Deutlichkeit die Empfindungen seines Inneren wieder. Das fand und finde
ich vollkommen selbstverständlich; denn ich kann doch unmöglich verlangen, daß
der Kranke den eine schmerzhafte Operation vornehmenden Arzt freundlich an
lächelt. Anders mein Kollege! -- „Maier, komm doch noch mal her! — Was
soll das Gesicht bedeuten? — Ich will ein freundliches Gesicht sehen! —"
Maier machte einige Anstrengungen, um die verlangte Freundlichkeit hervorzu

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