Der Gesichtsausdruck in seiner Bedeutung für die Erziehung. 375
zaubern, aber er schien den gestrengen Herrn Präzeptor nicht zu befriedigen; denn
dieser versetzte ihm eine noch derbere Ohrfeige mit den Worten: „So, jetzt kannst
du weiter dickköpfig sein, wenn du Lust dazu hast!"
Bei der Kritik konnte ich mich nicht enthalten, den Freund trotz meines
sonst sehr günstigen Urteiles wegen dieses Falles auf das Schärfste zu tadeln.
Er ließ aber meinen Tadel durchaus nicht gelten, behauptete vielmehr, jeder hätte
dem Jungen die Frechheit an den Augen ablesen müssen, er könne daher nicht
zugeben, daß seine Behandlungsweise eine verkehrte gewesen sei. Nachdem wir
noch eine Zeitlang debattiert hatten, ohne uns einigen zu können, machte ich mich
auf den Heimweg. Während des einsamen Ganges durch den winterlichen Wald
war ich mit meinen Gedanken natürlich noch immer bei dem in Rede stehen
den Falle.
Woran lag es, daß mein Kollege den Schüler so grundfalsch behandelte?
Da ihm das Verständnis für den Gesichtsausdruck fehlte, konnte er auch nicht
sein Verhalten danach einrichten und noch viel weniger irgend welchen
Einfluß auf die Züge des Jungen ausüben. Je mehr ich über das Erlebte
nachdachte, desto klarer und deutlicher ward es mir, desto wichtiger und not
wendiger erschien es mir, daß der Lehrer folgenden drei Anforderungen genüge:
1. Er verstehe,
2. Er beachte,
3. Er bilde den Gesichtsausdruck seiner Schüler.
1. Warum muß der Lehrer den Gesichtsausdruck seiner Schüler verstehen?
Diese Frage beantworten wir am besten dadurch, daß wir uns über den Begriff
„Gesichtsausdruck" und dessen äußeres und inneres Wesen klar zu werden
suchen.
Das Gesicht als Ganzes kann man einen zweifachen Spiegel nennen. Ein
mal fängt es in der Gesamtheit seiner Organe, deren Bedeutung dadurch eine
einzigartige wird, daß sie die Vermittler fast sämtlicher Sinneseindrücke sind,
die Bilder der uns umgebenden Schöpfung auf. Diese im physischen und psy
chischen Sinne spiegelt sich, sozusagen, in ihm. Von ihm aus findet sie ihren
Weg zu Verstand und Gemüt, d. h. zur Seele des Menschen. Hier werden die
aufgefangenen Bilder verarbeitet und bilden sich zum geistigen Eigentume des
Individuums um. Dieses geistige Eigentum aber wirft seine Reflexe — spiegelt
sich — als Gesichtsausdruck im menschlichen Antlitze wieder. Obwohl gebunden
an die körperlichen Verhältnisse des Antlitzes, wird der Gesichtsausdruck nicht
von denselben erzeugt, sondern ist im Gegenteil der Bildner des Charakteristischen
im Angesichte. Er erzeugt im engern Sinne erst dasselbe, eben weil es erst
durch ihn der Spiegel der inneren Individualität wird.
Der Gesichtsausdruck an sich ist die sichtbare Seele des

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