Der Gesichtsausdruck in seiner Bedeutung für die Erziehung. 381
klarer geistiger Anschauungen ein wahres und gereinigtes Gefühl entstehe, so wird
sich dessen wohlgefällige Äußerung von selbst einstellen.
Daneben ist in vereinzelten Fällen auch eine direkte Beeinflussung der
Gesichtszüge nicht ausgeschlossen, so würde ich beispielsweise ein Kind, das gar
zu brummig oder gleichgiltig drein schaut, einfach auffordern ein anderes Gesicht
aufzusetzen.
Allerdings vermag die Erziehung so wenig wie einen Charakter ein charakter
volles Antlitz zu bilden, aber so gut sie imstande ist, ersterem eine gewisse Grund
richtung zu geben, vermag sie letzteres vorzubereiten und anzubahnen. Hier wie
da muß später der mündige, vernunftbegabte Mensch das Seine dazu thun, um
durch strenge Selbstzucht das Ideal im Laufe des Lebens annähernd zu erreichen.
Nachdem wir das „Wie?" der Bildung des Gesichtsausdrucks erörtert
haben, können wir nunmehr auf das „Warum?" eingehen. Warum muß
der Gesichtsausdruck gebildet werden?
Erstlich, weil es eine moralische Pflicht des Einzelnen ist, die
unwillkürlichen Äußerungen seines Innern in Rücksicht auf die
menschliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade beherr
schen zu können. Ohne Zweifel würde es beispielsweise eine Rücksichtslosig
keit, ja geradezu eine Verletzung der Wohlanständigkeil sein, wenn jemand in der
Gesellschaft zu erkennen gäbe, daß ihm die geführten Gespräche, die anwesenden
Personen, kurz seine ganze Umgebung vollständig gleichgiltig seien. Unter Um
ständen ist der Gesichtsausdruck sogar eine Beleidigung oder eine Unverschämtheit.
Anders vermag ich wenigstens nicht das Benehmen eines jungen Mannes zu be
zeichnen, der einem ältern Herrn gegenüber durch seine Mienen sagt, daß er ihm
die ernsthafte Schilderung eines Erlebnisses nicht glaube oder doch mindestens
starke Zweifel in die Wahrheit seiner Aussagen setze. Es liegt dann so ein ge
wisses vielsagendes, nichtssagendes Etwas in seinen Zügen, daß einem Schulmeister
ordentlich die Finger danach jucken, ihm eine zu versetzen.
Beim Militär kann der Ausdruck des Gesichtes sogar strafbar sein; denn
also lese ich in meinem Büchlein für Ersatzreservisten: „Der Soldat hat weder
durch Worte noch durch Mienen und Gebärden, viel weniger durch die That
seinen Unwillen gegen die Befehle seiner Vorgesetzten zu äußern. Zuwiderhand
lungen werden bestraft niit Arrest, Gefängnis, Festung." Ich selbst wäre ein
mal beinahe wegen meiner „Mienen und Gebärden" ein Opfer dieses Para
graphen geworden; denn da ich im zivilisierten Dasein eine Brille zu tragen
pflege, selbige beim Militär aber ablegen mußte, schaute ich meinen Kompagniechef
mit jenem bekannten mißvergnügten Gesichte eines seiner gewohnten Gläser be
raubten Kurzsichtigen an. Nachdem ich den erwähnten Paragraphen mit lauter
Stimme hergesagt hatte, ohne daß derselbe die erhoffte Wirkung ausgeübt hätte,
konnte mich nur der aufklärende Einspruch meines Unteroffiziers davor retten,
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