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I. Abteilung. Abhandlungen.
„drei Tage über die Folgen eines mißvergnügten und dem Vorgesetzten gegen
über störrischen Gesichtes" nachzudenken. Gewißlich kann — und das sollte die
Quintessenz dieser Episode sein — der Gesichtsausdruck manchmal eine Verletzung
der Autorität bedeuten. Durch das Militärstrafrecht, welches eben in der Ver
letzung der Autorität das schlimmste Vergehen erblickt und erblicken muß, wird
diese Thatsache bestätigt.
Aus den angeführten Beispielen, deren Anzahl leicht vermehrt werden könnte,
geht zur Genüge hervor, wie notwendig es aus moralischen und prak
tischen Gründen ist, daß das Individuum die Äußerungen seiner Affekte
bis zu einem gewissen Grade beherrschen könne.
Damit ist nun nicht gesagt, daß es sie stets beherrschen solle. Das hieße
ja der Heuchelei Thür und Thor öffnen. Hier fällt mir ein trefflicher Ge
dankensplitter ein, den jüngst die „Fliegenden Blätter" brachten: „Es giebt Men
schen, die kein Gesicht, sondern nur Gesichter haben!" Natürlich! Und
zwar genau so viele als es deren giebt, die keine Sittlichkeit, sondern nur
Sitten besitzen. Es mag meine Zusammenstellung aus den ersten Blick viel
leicht gesucht erscheinen. Aber ist nicht die Sittlichkeit das Gesicht der Seele,
wie die Sitten, die ja unter Umständen sehr wohl Unsitten sein können ihre
Gesichter sind? Läßt sich nicht auf der andern Seite Heuchelei des Gesichts
ausdrucks nur aus der Unsittlichkeit i. w. S. erklären?
Den Hauptgrund für die Bildung des Gesichtsausdrucks habe ich mir bis
zuletzt aufgehoben. Der Leser wird vorerst ein wenig erstaunt sein, wenn ich
frisch und frei erkläre: „Der Gesichtsausdruck muß gebildet werden,
weil jeder Mensch die Pflicht hat, schön zu sein!"
Unerreichbar auf Erden ist bekanntlich die Verwirklichung von Idealen. Aber
wie ein schöner Genius schweben sie unserer Seele voraus, um ihr den Blick
nach dem Ewigen zu erhalten, ihre Kraft im Ringen danach zu stärken. Ein
solch unvergleichliches Ideal ist Schönheit, vom Schöpfer selbst als ein Zeugnis
seiner Liebe der Schöpfung und in ihr dem Geschöpf verliehen. Wahre Schön
heit muß daher ein Kuß des Göttlichen sein, den Stempel des Seelenadels
tragen. Für eine hübsche Menschenlarve, welcher dieses mangelt, haben wir einen
sehr bezeichnenden Ausdruck — Puppenschönheit. Es wäre ein Ideal des Lehrers,
die wahre Schönheit auch dem Gesichte des Schülers zu verleihen. Eben weil
es Ideal, wird er es zwar nie erreichen, aber weil es Ideal, sollte er danach
streben, ihm menschlich möglichst nahe zu kommen durch Bildung der jungen
Seelen und Körper, die seiner Fürsorge in so bedeutendem Maße anvertraut sind.
Schon weiter oben streifte ich einmal kurz das Wesen einer derartigen
Schönheit, kann mich aber nicht enthalten, am Schluffe meiner Ausführungen
noch mit einigen Worten näher darauf einzugehen. Bei dem mir vorschwebenden
Ziele handelt es sich also nicht um eine sinnlich möglichst wohlgefällige Aus-

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