Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 39
verkürzten Stundenzahl der Mittelklasse hatte besonders der Umstand recht schäd
liche Folgen gehabt, daß an mehreren Tagen eine Klasse auf den Schluß der an
dern warten mußte. Die Kleinen kamen lange vor der bestimmten Zeit, störten
den Unterricht der Mittel- und Oberklasse und erlitten bei dem Stehen in Wind
und Wetter manchen Schaden an ihrer Gesundheit.
Einrichtungen wie die eben geschilderte trifft man meist nur in den selteneren
Fällen, daß beide Lehrer ungefähr gleiches Alter haben. Wo ein älterer Lehrer
mit einem jüngeren zusammen arbeitet, tritt fast ausnahmslos der zweite von
den oben genannten Fällen ein. Wie es in solchen Schulen aussieht, zeigt der
nachfolgende Bericht. An der Schule zu G. sind schon seit längerer Zeit mehr als
200 Kinder und da der ältere erste Lehrer nicht belastet werden sollte, so mußte
der jüngere zweite Lehrer die Mittel- und Unterklasie der nun dreiklassigen Schule
übernehmen. Es zählt gegenwärtig die Unterklasse (erstes Schuljahr und Re
stanten) 30 Schüler, welche die üblichen 12 Stunden erhalten, 2 St. Religion,
6—7 Deutsch, 2—3 Rechnen und eine Gesangstunde. Außerordentlich schwer ist
der Unterricht in der 91 Schüler zählenden Mittelklasse, die das zweite und
dritte Schuljahr sowie die schwach begabten Schüler mehrerer folgenden Schuljahre
umfaßt. Die Kinder empfangen in zwei Abteilungen 18 Stunden, nämlich 4
Religion, eine Heimatskunde, 6 Deutsch, 4 Rechnen, 2 Gesang und eine Schön-
schreibstunde. Eine Berücksichtigung der ziemlich zahlreichen zurückgebliebenen Kinder
machte bei der Schülerzahl große Schwierigkeiten. Trotzdem gelang es, mehrere
der ältesten Schüler versetzungsfähig zu machen. Das brachte jedoch wenig Dank.
Der erste Lehrer wollte die „Dummen" nicht nehmen, denn auch die Schülerzahl
der Oberklasse stieg nun auf mehr als 90 Kinder. Der Geistliche gab deshalb
dem Lehrer den guten Rat: „Quälen Sie sich nächstes Jahr nicht so sehr, damit
wir mehr sitzen lassen können." Die Sommerferien wurden der Feldarbeiten
wegen auf sieben Wochen ausschließlich Pfingstferien verlängert; Erlaubnis ward
ausnahmslos bereitwillig erteilt, und wer ohne Entschuldigung fehlte, nie in Strafe
genommen. „Die vollen Klassen, die kurze Schulzeit, viel Ferien und sonstiges
Fehlen müssen zusammen auch das redlichste Streben lahm legen." Der Lehrer
der Oberklasfe hat 24—28 Schulstunden. • Zahlreiche Privatstunden verschaffen
ihm eine gute Nebeneinnahme, die der zweite Lehrer um seiner und der Kinder
Fortbildung willen verschmäht. Die Majorität der Gemeinde wünscht Anstellung
eines dritten Lehrers, allein der Lokalschulinspcktor, von mehreren Gemeindegliedern
gedrängt, weigert sich, Schritte dafür zu thun, da er die Gegnerschaft weniger
aber reicher und daher ausschlaggebender Besitzer fürchtet. „Ich halte es wirklich
nicht mehr aus. Alles zieht nach unten!" Das ist der Schluß des Berichts.
Ein kurzes Bild aus einer mehrklassigen Schule möge die Reihe schließen.
An der Schule zu O. unterrichten 10 Lehrer in 12 Klassen rund 840 Kinder.
Die vier jüngsten Lehrer unterrichten Jahr um Jahr je 2 Klassen, der eine die

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