Schulandachten.
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den Grundsätze selbst aber befinde ich mich mit Herrn Hermann in so wesentlicher
Übereinstimmung, daß ich einfach auf seinen Aufsatz zurückverweise.
Ganz anders geht Hugo Grosse in Halle zu Werk in einem Bande aus
geführter Schulandachten?) Er spricht sich im Vorwort nur über die Bedeutung
der Schulandachten für das Schulleben und die religiös-sittliche Erziehung über
haupt aus, ohne in eine Erwägung über das Verhältnis der Andachten zu den
gleichzeitigen Religionsstoffen oder zum Religionsunterricht einzutreten. Einerseits
wird ihm wohl dieser Gedanke überhaupt fern gelegen haben, da er Andachten
mit der versammelten Schule resp. den oberen Klassen im Auge hat, während Her
mann, wenn er seinen Gedanken durchführen will, sich auf Andachten in den
einzelnen Klassen beschränken müßte. Andrerseits giebt er nur Wochenanfangs
andachten, die vorschriftsmäßig das Sonntagsevangelium zu behandeln hatten.
Infolge dieser für ihn vorgezeichneten Beschränkung in der Stoffwahl bekommen
wir leider gar nicht zu hören, was der Verfasser über Stoff und Inhalt der
Schulandachten selbst denkt. — Jene Beschränkung der Texte auf die kirchlichen
Perikopen legt ja gewisse Gefahren nahe, die G. auch nicht ganz vermieden hat.
Es wird so ein Jahrgang Schulandachten nach dem überlieferten Perikopensystem
zuletzt zu einer Art Schulpostille. Ich tadele es gewiß nicht, daß der Vers, die
ausgedehnte Predigtlitteratur fleißig benutzt: man kann ja den Schulandachten auch
die Aufgabe stellen, den Schülern die kirchlichen Gottesdienste näher zu bringen,
etwa Montags eine Erinnerung, einen Nachklang an die gehörte oder nicht gehörte
Sonntagspredigt zu bieten. Und eine solche Aufgabe, nach welcher die Schulandacht
möglichst auf den Ton der kirchlichen Predigt gestimmt werden müßte, wäre von Grosse
in ganz vortrefflicher Weise gelöst. Aber mir scheint, der Idee einer Schulandacht
entspricht dies doch eigentlich weniger. Manche Perikopen sind doch schon auf der
Kanzel und vollends erst in der Schule so schwierig zu behandeln, daß man leb
haft bedauern muß, sie nicht durch eine Auswahl aus den vielen geeigneteren
Texten ersetzt zu sehen. Und sodann kommt in die Behandlung selbst nur zu
leicht ein Ton, der sich auf der Kanzel oder in der Kirche gut oder erträglich aus
nimmt, in die Schule aber doch nicht hingehört. Ich meine in manchen Andachten
Gedankenreihen und Wendungen zu finden, die nur für Erwachsene berechtigt sein
können (z. B. S. 22. 24. 28). Auch werden die Ansprachen leicht zu lang;
in der Schulandacht erscheint mir ein Predigtauszug nicht das Richtige. Ebenso
die Gebete! S. 17 find 2 Gebete zur selben Andacht gegeben; das erste von
fünf Zeilen ist unvergleichlich viel kerniger und passender als das zweite von
zehn Zeilen. Gebete können nicht leicht zu kurz sein.
Mit diesen Ausstellungen trete ich Herrn Grosse selbst nicht zu nahe, da er
ja durch die Schulvorschrift an seine Texte gebunden war. Die Ansprachen oder
Gebete über freie Texte vor und nach den Ferien u. a. sind zum Teil vortrefflich.
Und dem ganzen Buch soll bei der Bearbeitung vor allem die Erfahrungsthat
sache zu gut kommen, daß es wohl mit das Schwerste ist, vor der Jugend' durch
aus faßbar und doch eindringlich über religiöse Themata im Zusammenhange zu
reden. Doch könnte eine Sammlung von Kinderpredigten wie die von Ties,
9 Evangelische Schulandachten. Ein Jahrgang Predigten und Gebete,
meist im Anschluß an die Sonntagsevangelien, für höhere Knaben- und Mädchenschulen,
sowie für Lehrer- und Lehrerinnenseminare von Hugo Grosse, Lehrer an der städtischen
höheren Mädchenschule in Halle. Gotha 1895, Thienemann. 149 S. Preis geh.
2 M. geb. 2,25 M.

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