Kleine Chronik.
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die weder noch dem Wohl der Kinder, noch nach dem Wohl des Lehrerstandes
gefragt hat — und eine Schuleinrichtung, deren üble Folgen um so größer sind,
je großartiger sie sich äußerlich ausnimmt. Was soll man aber nun denken,
wenn da, wo an der Arbeilseinrichtung und an der Stellung der Lehrer möglichst
gespart wird, die Schulhäuser dagegen mitunter eine wahrhaft luxuriöse Aus
stattung zur Schau tragen? Das Mauerwerk aus Pariser Kalkstein, ein
Vestibüle mit stattlichen Säulen, die Flur mit hübschen Mettlacher Platten belegt,
der Fußboden der Lehrzimmer aufs schönste parkettiert u. s. w. Hat man
vielleicht die Blößen und Mängel in der Lehreinrichtung und den persönlichen
Verhältnissen durch den Aufwand in der baulichen Einrichtung verdecken wollen?
oder, da das doch nicht wohl anzunehmen ist: sind die guten Stadtväter samt
den steuerzahlenden Hausvätern wirklich der Meinung, bloß um der prächtigen
äußeren Ausstattung willen mit ihrem Schulwesen an der Spitze des pädagogischen
Fortschritts zu marschieren? Alle Baukunst in Ehren — aber sind es denn die
Steine, welche lehren sollen, oder lebendige Personen? Bürgt der par
kettierte Fußboden mehr dafür, daß die Schüler sittsam und fleißig, gescheit und
geschickt werden, als eine zweckmäßige Ordnung der didaktischen und persönlichen
Verhältnisse? Und wecken diese prächtigen Schulbauten keinerlei Bedenken im
Blick auf die beschränkten dürftigen Wohnungen, aus denen die Mehrzahl der
Volksschüler kommt und mit denen die meisten sich wohl zeitlebens werden
behelfen müssen? Gesetzt aber auch, diese städtischen Verwaltungen wären hin
sichtlich dessen, was zu einer gesunden Ordnung der unterrichtlichen Verhältnisse
gehört, unberaten gewesen: hätten sie sich nicht wenigstens soviel selber sagen
können, daß der Schuljugend weit besser gedient wäre, wenn man die über
schüssigen Baukosten dazu verwende, möglichst tüchtige und gediegene Lehr
kräfte heranzuziehen? — Bei solchen und vielen anderen Vorkommnissen in der
Kulturadministration will es in der That scheinen, als ob über dem Gebiete des
Schulwesens ein Nebel gelagert sei, bei dem selbst sonst hellsehende Köpfe nicht
mehr wissen, ob sie auf dem rechten Wege oder auf Jrrbahnen sind/'
3. Th. Vogt.
Professor Vogt in Wien, der verdienstvolle Vorsitzende des „Vereins für
wissenschaftliche Pädagogik", schreibt uns aus Anlaß einer von uns veröffentlichten
Abhandlung über die Klassenzahlfrage folgendes:
..Eine 30klassige Schule mit 2000 Schülern halte ich für ein gefährliches
Monstrum. Sie droht dem Leiter zu einem den Lehren immer mehr entfremdeten
und mit Schreibgeschäften überladenen Schulbureaukraten zu machen, der für die
Eltern noch eindringlicher als jetzt die Schule als eine Behörde erscheinen läßt,
die Lehrer aus einer mehr autonomen Körperschaft in eine abhängige Dienerschaft
zu verwandeln, welche als eine Anzahl von Fachlehrern den Lehrplan in veräußer
lichter und die Methode in mechanischer Weise ausführt, die Kinder endlich zn
individualitätslosen Exemplaren herabzusetzen, welche lediglich nach der Größe
ihrer Intelligenz in Qualität I, II u. s. w. geschieden werden. Damit geht
der ganze Segen, den der erziehende Unterricht stiften könnte, verloren. Denn
dieser verlangt Anschließung an die kindliche Individualität und Schätzung ihres
ganzen Werts; er verlangt Lehrer, die zugleich Erzieher sind und darum auf die
Gesinnung der Zöglinge einzuwirken suchen, aber, um dies zu können, in Lehr
plan und Methode ihre eigene Überzeugung bethätigen wollen; er verlangt eine

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