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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Modifikation des Fachlehrersystems, welches von Haus aus immer dem nicht er
ziehenden Unterrichtszweck des bloßen Wissens zugeneigt ist; er verlangt endlich
wegen der Betonung der Gesinnung, auf welche von mehreren Seiten wohlthätig
eingewirkt werden soll, ein rechtswürdigeres Verhältnis zwischen Schule und Haus,
als daß die erstere als Behörde nur befehle und dieses nur sich füge. Wenn
nun schon unter den besten Einwirkungen, denen ein Kind von seiten des Hauses,
der Schule und der sonstigen Umgebung ausgesetzt ist, und bei den schönsten
Hoffnungen, zu denen ein 15sähriger Jüngling berechtigt, es sich ereignet, daß
ein kontinuierlich fortgesetzter Umgang mit Socialdemokraten, da ja alles in der
Welt veränderlich ist, endlich auch seinen Willen wankend macht, um wie viel
mehr muß nicht derjenige auf Abwege geraten, dessen Gesinnung darum nicht
gefestigt wurde, weil er in einem Schulkoloß aufwuchs, in welchem der erziehende
Unterricht auf allen Wegen behindert war. Sind es aber nur finanzielle Gründe,
welche für die Stiftung solcher Anstalten sprechen, dann sollten alle, die in irgend
einer Stadtgemeinde die Geldgebarung in ihren Händen haben, der ernstlichen
Pflicht eingedenk sein, daß es in Ansehung der Klassenzahl in einer Schule und
der Schülerzahl in einer Klasse Grenzen giebt, die nicht überschritten werden
dürfen, sollen anders die aufgewendeten Summen nicht zum Schaden der künftigen
Generation verwendet werden. Jahrtausendelang sind deutsche Tugenden, wie
Redlichkeit und Treue, Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit von Generation zu
Generation fortgeflanzt worden, ohne daß ein so entwickeltes Schulwesen bestand,
wie gegenwärtig. Soll denn das Gute, welches das Schulwesen an sich ist, als
etwas zum Mißbrauche Geschaffenes erscheinen?"
4. Barth.
Direktor Dr. E. Barth in Leipzig, der schon seit langen Jahren den
Kampf gegen die Schulkasernen geführt hat, betont, daß die Jugend in erster
Linie durch den Umgang . erzogen werde, wovon in den großen Erziehungs
anstalten aber nicht die Rede sein könne. Er schreibt darüber:
„Die Schulerziehung ist ein Problem, dessen Lösung die allergrößten An
strengungen erheischt.
Eine durch angeborne und Naturanlagen bestimmte Individualität soll zum
sittlich-religiösen Charakter erzogen werden. Dies ist die Aufgabe der Erziehung.
Nun ist aber nicht bloß ein Kind, es sind viele Kinder zu erziehen, von denen
jedes seine besondere Individualität hat. Gleichwohl sollen diese Kinder gemein
sam erzogen werden, denn darum eben hat man Schulen gegründet. Es ist
sicher, daß dies eine Riesenaufgabe ist, die nur erfüllt werden kann, wenn einem
an die Individualitäten eng sich anschließenden Unterricht eine Zucht zur Seite
geht, die jedem einzelnen Zöglinge gerecht wird. Ein hervorragendes Mittel,
durch welches eine solche Zucht an das einzelne, der Schule ebenso wie der
Familie unter strengster Verantwortlichkeit übergebene Individuum gelangen kann,
ist ohne Zweifel der Umgang, über dessen Berechtigung innerhalb der Schule
demnach kein Zweifel mehr erhoben werden sollte.
Vergleicht man hiermit die Schule der Gegenwart, so muß ohne weiteres
die Frage entstehen, ob bei Errichtung derselben die oben entwickelten Gesichts
punkte auch nur vorübergehend in Betracht gezogen worden sind. Man sehe die
überfüllten Klassen an; sechzig, wohl auch siebzig, achtzig in einem Raume
zusammengepferchte, des erziehenden Umganges in hohem Grade bedürftige Kinder

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