Kleine Chronik.
397
— und nur ein Erzieher in ihrer Mitte! Ist es unter diesen Umständen selbst
dem besten Erzieher überhaupt nur möglich, mit seiner Teilnahme an das einzelne
Kind heranzukommen, geschweige Raum zu gewinnen im Herzen, und ist es auf
der anderen Seite dem Kinde möglich, für seinen ihm doch immerhin fernbleibenden
Erzieher Teilnahme zu empfinden, geschweige sie zu äußern und zu bethätigen?
Nun erst die ganze Anstalt mit ihren Parallelklassen, ihren oft mehr als tausend
Zöglingen! Wie ist es da einem Erzieher, auch einem solchen, der nicht bloß
Stundengeber ist, möglich, ein jedes der von ihm ein Jahr lang „erzogenen"
Kinder (der Menschenfreund gestatte diesen Ausdruck) auf seinem weiteren Bildungs
wege zu verfolgen, da es ihm ja ganz aus dem Gesichte kommt? Wie ist es
ihm möglich, für ein Kind, das aus einer niederen Klasse in die seinige tritt,
Teilnahme zu empfinden, da ihm ja keine Gelegenheit werden konnte, dasselbe
kennen zu lernen? Und wie kann endlich der Vorsteher einer solchen Schule,
auch wenn er nicht durch Büreaudienste vollständig in Anspruch genommen würde,
nur die Namen so vieler Kinder merken, geschweige, daß er, wie es seine ihm
von Gott auferlegte Pflicht fordert, jedes Kind von der Aufnahme bis zum Ab
gänge mit seiner helfenden, tröstenden, allezeit fördernden Teilnahme zu begleiten
vermag? Wie kann in solchen Schulkasernen an einen ersprießlichen, dem ein
zelnen Kinde zu gute kommenden Umgang, wie kann an eine Pflege des gesell
schaftlichen und religiösen Interesses gedacht werden, da eine Kommunikation der
einzelnen Klassenkörper untereinander, ein Auftreten der Schule als ganzes un
möglich ist? Fürwahr, sollte dieser auf andern Gebieten unsers Gesellschaftlebens
schon seit langer Zeit herrschende Größenwahn auf dem Gebiete der Schule
weitere Dimensionen annehmen, so führe man offen eine allgemeine Nu
merierung der Kinder ein, denn daß diese in den bestehenden Schul
fabriken jetzt schon fast wie eine Ware aus einer Hand in die andere gehen,
dürfte kein Unbefangener in Abrede stellen.
Massenerziehung ist das Losungswort unsrer Zeit. Wie im politischen Leben
die „berechtigten Eigentümlichkeiten" ganzer Volksgruppen ignoriert werden, so
vernachlässigt man in der Schulerziehung mitten in der Masse den einzelnen,
auf den es im Grunde doch eigentlich ankommt. Im günstigsten
Falle wird für die Bildung der Intelligenz gesorgt; doch zu einer die sittlich
religiöse Charakterbildung ins Auge fassenden Erziehung kommt es nicht. Gleich
wohl beruht hierauf vorzugsweise der sittliche Fortschritt des Menschengeschlechts.
Erhebe darum jeder seine Stimme zu dem Rufe: Zertrümmert die
Schulkolosse der Gegenwart. Fürwahr es bleibt dann noch genug zu
thun, bis die Praxis zu einer gerechten Würdigung der Individualität gelangt.
Denn solange die Schulen groß bleiben, wie sie gegenwärtig sind, ist an eine
praktische Ausführung pädagogischer Theorien nicht zu denken."
5. Rein.
Professor Rein in Jena beehrte uns mit folgender Zuschrift:
Leider haben die Schulkasernen für die bureaukratische Anschauung so viel
Bestechendes, daß man mit vernünftigen Gründen kaum etwas ausrichten kann.
Es ist ein charakteristisches Zeichen unserer Zeit, daß der Zug nach dem
Äußerlichen nach dem Glänzenden, nach dem Schein mehr als sonst die Gemüter
gefangen nimmt. Seit dem Milliardenunsegen, der den nationalen Wohlstand
in plötzlicher, darum ungesunder Weise steigerte, macht sich dieser Zug im Privat-
30

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.