Die formalen Stufen in ihrer Anwendung aus poetische ZLesestücke. 409
b) Ästhetische Würdigung des Inhalts.
L.: Ich brauche euch nicht zu fragen, ob ihr das Gedicht schön findet. Wie
urteilt ihr über die Geschichte, die es enthält? Sch.: Sie ist sehr interessant.
L.: Welche Persönlichkeit zieht vor allem unser Interesse aus sich? Sch.: Der
König. L.: Wie kommt das? Sch.: Er ist alt und schwach, hat graues Haar
und stützt sich aus einen Stab. Er ist blind, muß sich führen lassen, ist ganz
hilflos. Er liebt seine Kinder, besonders seine Tochter. Darum ist er so trau
rig, als sie ihm entführt wird; darum zögert er, als ihn sein Sohn um die
Erlaubnis bittet, mit dem Riesen kämpfen zu dürfen; darum ist er so glücklich,
als beide wieder zurückgekehrt sind. Wenn er stirbt, kann er mit dem Bewußt
sein ins Grab steigen, daß er einen würdigen Nachfolger hinterläßt.
L.: Wodurch gewinnt der Königssohn unsere Teilnahme? Sch.: Er liebt
seinen Vater und seine Schwester. Er hat den Mut, den starken Riesen zu be
kämpfen ; wir müssen ihm das um so höher anrechnen, weil alle Ritter ver
zagten, die doch schon manchen Kamps bestanden hatten, während er noch ungeübt
im Streite war. Er ist auch sehr stark; das beweist er durch die Bezwingung
des Riesen.
L.: Gunilde? Sch.: Sie ist ein junges Mädchen mit hellblondem Haar.
Sie liebt ihren Vater und sorgt auf alle Weise für ihn; führt ihn spazieren,
singt ihm vor und spielt auf der Harfe, um ihn zu erfreuen.
L.: Die Ritter? Sch.: Sie haben wohl Mitleid mit dem Könige und
der geraubten Gunilde, aber ihre Eigenliebe ist doch größer, als ihre Nächsten
liebe; darum lassen sie den König in seiner Not im Stich, aus Furcht, ihr
eigenes Leben einzubüßen.
L.: Der Riese? Sch.: Der Räuber ist ein roher und wilder Mensch.
Wir bewundern wohl seine Kraft, aber wir achten ihn nicht. Er fragt nicht
darnach, ob der alte, blinde König Schmerz empfindet, ob Gunilde ihn liebt oder
nicht. Wir bedauern ihn nicht, wenn er fällt, denn er hat den Tod verdient.
L.: An welchen Personen des Gedichts können wir kein Gefallen finden?
Sch.: An dem Riesen und den Rittern. L.: Ein echter Dichter will aber durch
seine Dichtungen erfreuen; hätte also Uhland diese Personen nicht fortlassen oder
anders schildern können? Sch.: Nein; denn wenn der Riese nicht ein so roher
und wilder Mensch gewesen wäre, so würde die ganze interessante Geschichte nicht
vorgefallen sein, und der Königssohn hätte keine Gelegenheit gefunden, seine Liebe,
seinen Mut und seine Thatkraft zu beweisen. Ohne die Zurückhaltung der
zagenden Ritter aber würde sein Unternehmen als gar nichts Besonderes erscheinen.
L.: Sprich es noch einmal kurz aus, warum dir das Gedicht so gefällt!
Sch.: Es enthält eine interessante Geschichte. Mit welchem Worte
Schillers könnten wirseinen Grundgedanken angeben? Sch.: Der brave
Mann denkt an sich selbst zuletzt, vertraut aus Gott und rettet den Bedrängten.

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