Die formalen Stufen in ihrer Anwendung auf poetische Lesestücke. 417
Diese Ausführungen sind an sich vortrefflich und würden auf allgemeine
Zustimmung rechnen dürfen, wenn nur die Worte „Abstraktionsprozeß" und „An
wendung der auf dem angegebenen Wege (d. h. durch Abstraktion) gewonnenen Er
kenntnis" fortgeblieben wären. Das Abschreiben eines Gedichtes, die mündliche
und schriftliche Inhaltsangabe: das sind sehr nützliche und notwendige Übungen;
aber von der Anwendung eines durch einen echten Abstraktionsprozeß
abgeleiteten Systems ist doch darin nichts zu enldecken. Aus der Wahrheit des
Satzes: „Jede Abstraktion setzt eine Bergleichung voraus" — folgt nicht die
Berechtigung des anderen: „Jede Vergleichung führt zu einem Abstraktionsprozeß."
Eberhardt ist z. B. im Irrtum, wenn er in der Vergleichung zwischen
einem prosaischen und poetischen Stoff einen Abstraktionsprozeß zu
erkennen glaubt. Die Abstraktion geht den Merkmalen nach, die einer Mehrheit
gleichartiger Erscheinungen gemeinschaftlich zukommen; jene Vergleichung
aber hat den Zweck, den Unterschied zwischen der poetischen und prosaischen
Darstellung eines Stoffes den Schülern zum Bewußtsein zu bringen. Sie ge
hört darum der Stufe der Synthese an, weil ihr Ergebnis nicht die Ableitung
eines Begriffs, einer Regel, eines Gesetzes, sondern die Erkenntnis der kon
kreten Schönheiten eines einzelnen Gedichtes ist. Der Kontrast zwischen
Prosa und Poesie läßt die Schönheit der letzteren in um so hellerem Lichte er
scheinen. Man sehe z. B., wie Eberhardt die Erzählung des Hyginus mit
Schillers „Bürgschaft" vergleicht, um die Schüler, wie er selbst sagt, in die
poetischen Schönheiten des Gedichts einzuführen. Eine solche
Gegenüberstellung kontrastierender Bearbeitungen desselben Stoffes mag unter Um
ständen sehr zweckdienlich sein; als ein Abstraktionsprozeß ist sie jedoch
unter keinen Umständen anzusehen, und sie führt mithin auch nicht zu einem
System in Zillers Sinn.
Zum Beweise, daß Eberhardt nicht abstrahiert, indem er vergleicht,
und daß durch seine Vergleichung kein System gewonnen wird, das sich an
wenden ließe, diene folgende Stelle: „Lesen der Stelle von dem Hindernis des
Flusses bei Hyginus und Schiller. Was ist neu? Der Dichter gewährt uns
einen Einblick in das allmähliche Anwachsen des Stromes. Möros irrt trostlos
an dem Rande des Ufers. Kein Nachen, keine Fähre! Bei Hyginus weint
Möros, bei Schiller weint und fleht er, die Hände zum Zeus erhoben.
Nicht nur unthätiges Weinen, nein die höchste Steigerung religiösen Aufschwungs
im Gebet führt uns der Dichter vor. Das Verrinnen der Zeit, die Steigerung
der Angst führt zum kühnen Entschluß" (a. a. O. S. 109).
Nun geht unsere Meinung keineswegs dahin, jedes Gedicht müsse
nach den säuitlichen formalen Stufen bearbeitet werden; im Inter
esse der Klarheit jedoch und der gegenseitigen Verständigung ist es dringend
wünschenswert, daß man die Theorie mit der Praxis in Einklang bringe. Man

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.