Die formalen Stufen in ihrer Anwendung auf poetische Lesestücke. 419
können, was denn eigentlich an einem Gedicht gefällt, aus welchen Ele
menten sich seine Schönheit zusammensetzt. Sonst weiß er ja nicht, worauf
die Aufmerksamkeit der Kinder besonders zu lenken ist, kann auch nicht selbständig
überlegen, welche Schönheiten den Kindern auf einem gewissen Alters- und
Bildungsstandpunkt zu vollem Verständnis zu bringen sind. In dieser Hinsicht
leisten nun die Arbeiten von Eberhardt (Poesie in der Volksschule, 3 Bände,
Langensalza, Beyer und Söhne), Lei mb ach (Ausgewählte Dichtungen. 2 Teile),
Gude (Erläuterungen zu deutschen Dichtungen. 4 Bände), Kriebitsch (Zum
Lesebuch. 4 Hefte. Gotha, Thienemann) u. a. gute Dienste. Noch besser aber
ist es, wenn der Lehrer sich den Blick für die Auffassung und Beurteilung des
Schönen schärfen läßt durch die Ästhetik. Herbart hat leider nur einen
Teil der allgemeinen Ästhetik, die Ästhetik des Willens (Ethik oder prak
tische Philosophie) systematisch bearbeitet; von Z imm ermann aber, einem Schüler
Herbarts, besitzen wir eine vollständige Ästhetik, die u. a. auch die Kunst in
Betracht zieht. Herbart hat nachgewiesen, daß den mannigfaltigen Aeußerungen
des sittlichen Urteils fünf einfache Willensverhältnisse zu gründe
liegen; Zimmermann glaubt fünf Grundformen gefunden zu haben, die
schlechthin alles Gefallende und Mißfallende erklären. Er gebraucht für diese
Grundverhältnisse die Ausdrücke: Form des Vollkommenen, Form des
Charakteristischen, Form des Einklangs, Form des Korrekten und
Form der Ausgleichung?) Nach unserer Ansicht ist Zimmermann in der Auf
stellung der Form des Korrekten und der Ausgleichung nicht glücklich ge
wesen; die drei anderen Formen aber sind in hohem Maße geeignet, uns Auf
schluß darüber zu geben, warum wir jetzt Beifall, dann Mißfallen äußern.
Was macht z. B. das Gedicht „Der blinde Aönig" zu einem Kunstwerk, das
von Erwachsenen ebensowohl, als von 12- bis I4jährigen Kindern beifällig be
urteilt wird?
Die Liebe des Königs zu seinen Kindern gefällt nach der Idee des
Einklangs als Gefühl der Liebe, dem auf dem Gebiete des Wollens das
Wohlwollen entspricht. Seine Liebe äußert sich in dem Schmerz über
den Raub der Tochter, in der zögernden Haltung der Bitte des Sohnes gegen
über, in der Freude über die glückliche Rückkehr der beiden und in dem Ausblick
auf ein wonniges Alter. Wir teilen seinen Schmerz, seine bange Erwartung und
die Freude des Wiedersehens, zumal er alt und blind ist. Sein Kummer hinter
läßt in uns, obwohl er unverschuldet ist, kein unangenehmes, peinigendes Gefühl
(wie z. B. die Not des Knaben in dem Freiligrathschen Gedichte „Aus dem
schlesischen Gebirge"), weil es nur den Übergang bildet zu reinerer, höherer
9 Vgl- die vortreffliche Schrift des Verf: Über die Ästhetik und ihr Verhältnis zur
Pädagogik. Langensalza, Beyer und Söhne. Preis 80 Pfg. Durch dieselbe wird auch
die Verhandlung über den formalen Charakter der Herbartschen Ethik (Schulbl. Nr. 9.
S. 356 ff.) recht aufklärend beleuchtet. Die Schristl.

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