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l. Abteilung. Abhandlungen.
Abschnittweises Lesen des Gedichts. Sachliche Erläuterungen zu den einzelnen
Abschnitten. Konzentration, d. h. genauere Betrachtung der Personen, die in dem
Gedichte vorkommen. Totalauffassung nach dem Schluffe der eingehenden Be
sprechung (d. h. eine genaue Inhaltsangabe, die die Resultate der Besprechung
in die Darstellung des Geschehens mit aufnimmt). Ausdrucksvolles Lesen des
Gedichts, Memorieren und Rezitieren desselben. — Die Schüler werden also
nur in den Inhalt des Gedichtes eingeführt; die Schönheit der sprachlichen
Darstellung soll ihnen lediglich durch das ausdrucksvolle Vorlesen zum Bewußtsein
kommen. Das mag gerechtfertigt sein bei diesem Gedichte und im sechsten Schul
jahre ; aber wenn wir auf der Oberstufe der Volksschule und bei jedem Gedichte
so verfahren wollten, so würden wir uns doch einer schweren Unterlassungssünde
schuldig machen. Kehr z. B. bespricht das Lied vom braven Mann, ohne nur
ein Wort über die dichterische Bearbeitung des Stoffes zu verlieren; er vertraut
lediglich der Macht der Erzählung, und sein ganzes Bestreben ist darauf gerichtet,
Charaktere, Handlung und Situationen recht anschaulich zu machen (vgl. Kehr,
Anweisung zur Behandlung deutscher Lesestücke. 8. Ausl. S. 452 ff.). Das ist
löblich, sogar die Hauptsache, aber doch nicht genug. Der Genuß, den die Dich
tung den Kindern gewährt, wird entschieden erhöht, wenn wir sie aus die meister
hafte Behandlung der Sprache, das Charakteristische derselben aufmerksam machen
(z. B. Es dröhnt und dröhnte dumpf heran — Die Schollen rollten Stoß aus
Stoß u. s. w.). Eberhardt vergleicht das Gedicht mit der überlieferten Prosa
erzählung und gewinnt dadurch folgende Einsichten:
Hinzugefügt ist Anfang und Schluß; sie weisen darauf hin, daß die edle
That durch den Dichter unsterblich wird.
Hinzugefügt ist ferner die eingehende Schilderung des Tauwetters, die Ur
sache der Zerstörung der Brücke. Wir sehen so das Unglück nach und nach
heranziehen, unsere Teilnahme wird dadurch mehr erregt.
Hinzugesetzt ist die anschauliche Schilderung der Ankunft des Grasen, des
Bauersmannes (der Graf 'auf edlem Roß, von fern schon den Beutel schwenkend,
der Bauer im Kittel am Stabe u. s. w.).
Hinzugesetzt ist die dreimalige Fahrt. Dadurch wird das Wagnis größer,
die That noch verehrungswürdiger.
Bürger ist ein Meister der Sprachmalerei, besonders gelingt ihm die Dar
stellung des Schauerlichen.
Auch das Metrum ist der Erzählung angemessen. Die vier ersten Verse
jeder Strophe sind reine, vierfüßige Jamben, in den beiden letzten Versen wird
der zweite und dritte Versfuß durch Anapästen ersetzt. Dieser geschickt angebrachte
Wechsel entspricht ganz dem Geschilderten. Haben nämlich die vier ersten Verse
stets die Aufgabe, ein Vorkommnis in einfacher Weise zu schildern, so soll der
erregte Gang der Anapästen bald die zerstörende Gewalt der Elemente („segle

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