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I. Abteilung. Abhandlungen.
nach der Decke hascht, die vom Bett hinabgeglitten war. Ich war nun
wach, — aber es klingelte fort! Ich rieb mir die Augen und mußte herzlich
lachen: — Unter meinem Fenster verkehrte die Pferdebahn.
Die Thatsache, daß ein Teil unsrer Träume durch Sinnesreize veranlaßt
wird, macht es erklärlich, daß mau Träume auch künstlich hervorrufen kann. Ein
Gelehrter, der an sich selbst Versuche machte, ließ eines Abends seine Kniee un
bedeckt. Er träumte in einem Postwagen zu fahren. Er hatte schon oft bei
Reisen mit der Post kalte Kniee bekommen. Ich berührte einmal eine Person, die
ihr Mittagsschläfchen hielt, mit einem dünnen Stäbchen an mehreren Stellen des
Gesichts. Sie zuckte bei jeder Berührung zusammen und erzählte dann bei dem gleich
darauf eintretenden Erwachen, sie habe geträumt, jemand werfe ihr Kirschkerne ins
Gesicht. Das Traumbild erklärt sich aus dem Umstande, daß wir zum Nachtisch
Kirschen gegessen hatten. Ein andermal, als ich derselben Person einige Wasser
tropfen ins Gesicht sprengte, sah sie sich im Traume als Kind an einen Teich
versetzt. In der Nähe stand ein Knabe, der mit einem Stocke ins Master schlug,
so daß die Massertropfen über sie hinspritzten.
Zu den besprochenen Träumen gehört auch das Alpdrücken, das viele
Leser gewiß aus eigener Erfahrung kennen. Es wird meist durch Atembeklemmung
erzeugt. Der auf diese Weise ausgeübte Druck setzt sich gewöhnlich in das Traum
bild eines Ungeheuers um, das dem Schlafenden auf der Brust hockt und ihn zu
erwürgen droht. Der Träumende hat dabei oft die fürchterlichsten Qualen aus
zustehen. Er will schreien, aber die Kehle ist ihm wie zugeschnürt; er ist an
allen Gliedern wie gelähmt und macht vergeblich Anstrengungen, sich des ver
meintlichen Ungetüms zu entledigen, bis er endlich, nicht seiten laut aufschreiend
oder stöhnend, erwacht. Die Alpvorstellung trägt stets ein individuelles Gepräge,
dessen Züge den Erfahrungen und Anschauungen des davon Gequälten entnommen
sind. Waren es früher, in einem abergläubischen Zeitalter, vorzugsweise Dämonen,
Hexen und Teufel, die die Schlafenden heimsuchten, so sind es jetzt meist Tier
gestalten. Einer meiner Bekannten, der oster an Alpdrücken litt, sah einmal,
wie eine Ziege durchs Fenster kam, aufs Bett sprang, sich ihm auf die Brust
stellte, mit einem Fuße ihm die Kehle zudrückte und mit dem Kopfe fortwährend
drohende Gebärden machte, als ob sie ihn stoßen wollte. Das schreckhafte Traum
bild war ihm wohl bekannt. Es war eine etwas bösartige Ziege, die er als
Knabe oft geneckt hatte und von der er mehr als einmal umgestoßen worden war.
Die Atembeklemmung, durch die das Bild des längst vergessenen Tieres reproduziert
wurde, war sicherlich derjenigen ähnlich, die er so oft empfunden hatte, wenn er einen
Stoß der Ziege befürchten mußte.
V.
Die bisher betrachteten Träume haben das gemeinsam, daß sie durch Nerven-
reizung veranlaßt wurden. Man kann sie darum als Nervenreizträume be-

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