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Aus der Welt des Traumes.
zeichnen. Bei einer großen Zahl von Träumen läßt sich jedoch eine äußere
Veranlassung nicht nachweisen. Sie entstehen vielmehr ans der Verbindung oder
Assoziation von frei in der Seele aufsteigenden Erinnerungsbildern. Die Schul
sprache nennt sie darum reine Vorstellungs- oder Assoziationsträume.
Wenn der leibliche Druck, der während des Tiesschlafs alle bewußte Thätig
keit der Seele aufgehoben hat, allmählich schwächer wird, dann beginnen erst
einzelne, dann immer mehr Vorstellungen sich aus ihrer Gebundenheit zu lösen.
Allerlei Bilder und Gedanken, die im Tagesleben oft weit auseinander lagen,
tauchen aus. Verwandte und entgegengesetzte Vorstellungen werden durch sie wach
gerufen, und da der zügelnde Verstand fehlt, so vereinigen sie sich, wie das zu
fällige Zusammentreffen es bewirkt, zu Gesamtbildern, die eben darum auch oft
so wunderlich ausfallen.
Es ist schon hervorgehoben worden, daß alle unsre Träume aus Elementen
unsrer Erfahrung sich zusammensetzen. Daraus erklärt sich die große Verschiedenheit
der Träume bei verschiedenen Personen. Jeder Traum ist individuell bestimmt,
weil er nur das zum Bilde verweben kann, was in der Seele des Träumenden
schon ruht. Wer niemals bei einer Reise im Postwagen kalte Kniee bekommen
hat, dem wird auch die Kälteempfindung an den Knieen während des Schlafs
keinen Traum von einer solchen Reise vorspiegeln; wer niemals von den Qualen
gelesen hat, die off der Durst den Wüstenreisenden verursacht, dem kann die
Durstempsindung während des Schlafs auch nicht Anlaß zu einem Traum von
einer Wüstenreise werden. Von großem Einfluß auf den Inhalt der Träume,
und zwar insbesondere der Assoziationsträume, sind die herrschenden Tagesinteressen
der einzelnen Menschen. Anders und anderes träumt der Knabe, der Jüngling,
der Mann, der Greis; anders das Mädchen, die Jungfrau, die Gattin; anders
der Gelehrte als der Künstler; anders der Gebildete als der Ungebildete. Der
Schüler arbeitet im Traume an seinen Schularbeiten oder tummelt sich auf dem
Spielplätze; der Jüngling sieht die Zukunftspläne, die ihn am Tage beschäftigen,
im Traume verwirklicht; der lebensmüde Greis, dessen Gedanken mit Vorliebe in
der Vergangenheit weilen, sieht sich in die frohen Tage der Kindheit zurückversetzt;
der Ehrgeizige sieht Personen, die in Ehrfurcht vor ihm ersterben, oder er hört
Spottreden, die ihn in seiner eingebildeten Würde kränken; der Furchtsame glaubt
sich verfolgt oder von Gefahren umringt; der Geizhals zählt seine Goldstücke und
Papiere oder schlägt sich mit Dieben herum; der Parlamentarier hält unter dem
donnernden Beifall der einen und dem boshaften Zischen der andern Seite des
Hauses große Reden und nimmt mit selbstzufriedenem Lächeln die Glückwünsche
seiner Freunde entgegen; der Dichter ist entzückt über ein neues Werk, mit dem
er die Welt in Erstaunen setzen will; der Gelehrte träumt von Büchern, der
Verliebte von seinem Mädchen und das Mädchen noch mehr von ihm. Kurz, es
ist, wie Uz sagt:

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