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I. Abteilung. Abhandlungen.
Ein jeder gleichet seinen Träumen:
Im Traume zecht Anakreon,
Ein Dichter jauchzt bei seinen Reimen
Und flattert um den Helikon;
Für euch, Monaden, ficht mit Schlüffen
Ein Liebling der Ontologie,
Und allen Mädchen träumt von Küssen,
Denn was ist wichtiger für sie?
Wir wollen nun einige Eigentümlichkeiten der Associationsträume betrachten,
die mehr als alles bisher Angeführte den Stempel des Rätselhaften und Wunder
baren an sich tragen und von jeher als kräftigste Beweismittel für das Hervor
treten übernatürlicher Kräfte im Traumleben betrachtet worden sind.
Ein Gelehrter durchsuchte tagelang seine Folianten nach einer Stelle, die er
einmal gelesen hatte, aber nun ungeachtet alles Suchens nicht finden konnte. Da
sieht er sich im Traume in einer Kinderstube; hier liegen hundert Spielsachen
bunt durcheinander, und es werden ihrer immer mehr, je länger er sie betrachtet,
auf einmal sieht er ein ungeheures Buch, in dem in der Mitte ein Nürnberger
Häuschen steckt. Er schlägt das Buch auf und liest die Stelle, nach der er so
lange gesucht hat, und richtig, als er erwacht, weiß er sogleich, daß er beim Lesen
in dem und dem Buche bei der Stelle, die er eben jetzt haben will, das Spiel
zeug vom Tische genommen und als Lesezeichen hineingelegt hat. — Dem schon
vorhin erwähnten französischen Gelehrten Maury kam eines Tages das Wort
Müssidan ins Gedächtnis. Er wußte, daß es der Name einer französischen Stadt
war, ohne sich jedoch entsinnen zu können, wo sie lag. Einige Tage darauf sah
er im Traume eine Person, die ihm sagte, daß sie von Müssidan komme. Er
fragte nach der Lage dieser Stadt und erhielt zur Antwort, sie sei der Kantons-
ort des Departements Dordogne. Der Traum war Maury beim Erwachen noch
vollkommen gegenwärtig, doch war es ihm ungewiß, ob die Person im Traume
das Richtige gesagt habe. Er schlug in einem geographischen Wörterbuche nach
und fand zu seinem Erstannen die Bestätigung der Aussage.
Solche und ähnliche Träume sind gar nicht selten. Gewiß sind manche
unter den Lesern, die von ähnlichen Erfahrungen berichten können. Wie sind
aber diese rätselhaften Erscheinungen zu erklären?
Vorgänge aus dem wachen Tagesleben werden uns auf die richtige Spur
leiten. Wie oft begegnet es uns, daß wir vergeblich auf etwas uns besinnen,
von dem wir genau wissen, daß es noch in unserm Gedächtnisse ruht. Das Wort
liegt uns, wie man sagt, auf der Zunge; aber alles Bemühen ist vergeblich, es
will uns nicht einfallen. Mißmutig suchen wir uns endlich die Sache aus dem
Sinn zu schlagen. Und siehe da! Plötzlich steigt das gesuchte Wort in unsrer
Erinnerung empor. Wie kommt das? Bei unserm Suchen nach dem verlorenen
Worte waren wir offenbar auf falscher Fährte; wir gerieten in Gedankenverbindungen

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