Aus der Welt des Traumes.
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Auf größere Schwierigkeiten stößt man bei den sogenannten prophetischen
Träumen, die uns zukünftige Ereignisse vorausschauen lassen. Daß es dergleichen
Träume giebt, wird keiner, der sich etwas eingehend mit dem Traumleben be
schäftigt hat, leugnen. Der Glaube an prophetische Träume ist uralt und findet
sich bei allen Völkern, und die Schriftsteller aller Zeiten haben uns eine große
Zahl von solchen in Erfüllung gegangenen Träumen aufgezeichnet.
Cicero erzählt einen Traum, der im Altertum zu einer gewissen Berühmtheit
gelangt zu sein scheint, da er bei verschiedenen Schriftstellern erwähnt wird. Der
Dichter Simonides war im Begriff, eine Reise anzutreten. In der Nacht vor
Abfahrt des Schiffes sah er im Traume einen Leichnam. Er machte sich daran,
ihn zu beerdigen. Da fing der Tote an zu reden und warnte ihn, die Reise
zu unternehmen. Simonides gab der Warnung Gehör und blieb zurück. Bald
darauf erfuhr er, das Schiff, mit dem er hatte abreisen wollen, sei mit Mann
und Maus versunken. — Auf dem Kirchhofe des Alpendorfes Gurgl ruhen die
Gebeine eines Dr. Bürstenbinder, der in der Mitte unseres Jahrhunderts als
Tourist wiederholt Tyrol durchstreifte. Vor dem Aufbruche zu seiner letzten Reise
hatte er einen schauerlichen Traum, den er seinen Freunden erzählte. Er lag
zum Tode erstarrt in der Tiefe einer Gletscherspalte. Der Traum sollte bald in
Erfüllung gehen. Beim Übergang über den gefährlichen Gurgler Ferner brach
Bürstenbinder mit der trügerischen Schneedecke ein und stürzte in einen
Eisschrund, wobei er das Leben verlor. — Allbekannt ist der Traum Calpurnias,
der Gemahlin Julius Cäsars. Sie sah ihren Gemahl in der Nacht vor seinem
Tode blutend und von Stichen durchbohrt in ihren Armen verscheiden. Am
Morgen beschwor sie ihn, doch heute nicht auszugehen. Er aber, aus Furcht, man
könnte glauben, daß er die Träume seiner Frau berücksichtigte, scherzte über ihre
Furcht und ging in den Senat, wo er den Streichen seiner Mörder erlag.
Wir haben diese Beispiele aus der großen Zahl gut beglaubigter Erzählungen
ausgewählt, weil auch bei ihnen noch eine ungesuchte Erklärung möglich ist.
Betrachten wir zunächst den Traum des Simonides. Simonides will eine See
reise antreten. Ohne Zweifel hat er vorher, wie jeder thut, der eine solche
Reise unternimmt, an die Gefahren gedacht, denen er auf dem Meere ausgesetzt
sein wird. Da ist es denn sicherlich ganz natürlich, wenn diese Gedanken auch
in seine Träume Hineinspielen und darin in einem bestimmten Bilde zum Ausdruck
gelangen. Daß er einen solche» Traum hat, ist also nichts Merkwürdiges; das
Wunderbare liegt in der Erfüllung. Nun, daß ein Schiff untergeht, ist leider
nichts Seltenes. Das Zusammentreffen aber dieses Unterganges mit dem Traume
hat nichts zu bedeuten, wenn man bedenkt, wie viel tausend böse Träume ähnlichen
Inhalts wohl Jahr um Jahr durch die Seele von Auswanderern gehen — und
doch nicht eintreffen. — Auf gleiche Weise läßt sich auch der Traum des Dr. Bürsten
binder erklären. Das Unglück, das ihn traf, hat sicherlich schon oft bei wachem Bewußt-

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