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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
zu sagen haben. Aber er würde bei den tief eindringenden Ausführungen Voigts
wohl verblüfft aufgehorcht und vor solcher Behandlung gründlichen Respekt be
kommen haben — wenn er überhaupt imstande gewesen, dem geschlossenen Ge
dankenzuge des Referenten im einzelnen zu folgen. Auch manchem Kongreß-
Freunde war offenbar diese Art streng wissenschaftlicher Begründung einer päda
gogisch-praktischen Frage neu und erstaunlich und ich glaube, daß der Vortragende
dem Durchschnitt seiner Hörer zu viel zugemutet hat, zumal über der theoretischen
Grundlegung die praktischen Vorschläge etwas kurz wegkamen. Aber daß so
hohe Anforderungen an sie gestellt wurden, das war mir von höchstem Werte;
lesen sie den Vortrag hernach, so werden sie eine weit über das eigentliche
Thema hinaus- oder vielmehr dahinter zurückgehende Belehrung über einige der ent
scheidendsten und brennendsten theoretischen Fragen der Gegenwart darin finden.
Denn um seinen Anforderungen die richtige Grundlage zu geben, bot Voigt in dem
Hauptteite seines Vortrages nichts Geringeres, als eine knappe mustergültige philo
sophisch begründete Darlegung des Verhältnisses von Religion und Sittlichkeit im
Herbartischen Sinne, also grade der Frage, der Dörpfeld sein hinterlassenes Buch,
Zur Ethik gewidmet hat. Voigt berührte sich so nahe mit dem von Dörpfeld
vorgetragenen Gedanken über die Evidenz und Selbständigkeit der Moral gegen
über der Religion, daß ich überrascht war, zu vernehmen, er habe bisher von
Dörpfelds Buch noch keine Kenntnis genommen, und von diesem indirekten Zeug
nis für Dörpfeld gerne Akt nahm. Jedenfalls müssen wir im Schulblatt, sobald
die Denkschrift des Kongresses mit diesem Vortrage erschienen sein wird, noch auf
die wichtige Frage zurückkommen. Auch der Einzelfrage von der Minder
wertigkeit des Alten Testamentes, die Voigt berührte und die ja
immer brennender zu werden droht, werden wir wohl noch eine besondere Be
sprechung zu widmen haben. Über die widersprechenden Meinungen einer statt
lichen Minorität gegen Voigts Darlegungen sind wir nicht in der Lage zu be
richten — so interessant das gewesen sein würde, — weil sie eben nicht öffent
lich zum Ausdruck kommen konnten.
Der Vortrag des Schulrat Remppis aus Heilbronn gewann seine wohl
verständliche Spitze eigentlich erst dann, wenn man ihn direkt als Antwort auf
einen, wie es heißt, vom allgemeinen Deutschen Lehrertag aufgestellten Satz ansah,
wonach „der moderne Staat nichts Dringenderes zu thun habe, als die Kultur
der Nationalintelligenz zum Kern seiner Bestrebungen zu machen." In der, ver
mutlich nicht vom Referenten selbst gewählten, Fassung aber: „Vermehrte intellek
tuelle Bildung allein begründet weder das Glück des einzelnen noch das einer-
ganzen Nation" stellte das Thema einen Allgemeinplatz dar, der seinem Wortlaut
nach wohl auch vom allgemeinen Deutschen Lehrertag und allen „Liberalen" an
genommen werden würde, der aber leicht den Verdacht erwecken konnte, als wollte
der Kongreß sich gegen eine vermehrte intellektuelle Bildung erklären. Daher war
es durchaus am Platz, daß Seminardirektor Voigt in der Debatte sehr entschieden
betonte, daß die intellektuelle Bildung und das Fortschreiten derselben, ihre Ver
breitung in alle Volksklassen etwas Gottgewolltes sei und daß man nicht so ohne
weiteres von einem ungesunden Bildungsdrange in der Gegenwart reden und
einen „Rückschritt" fordern dürfe, „keine Beschränkung, sondern Vertiefung des
Unterrichts;" womit sich dann der Vortragende seinerseits durchaus einverstanden
erklärte. Er hatte ja selbst in seinen Ausführungen auf den berühmten Satz
hingewiesen, daß „ein wahrhaft aufgeklärtes Volk am leichtesten zu regieren" sei

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