Eindrücke vom 9. Deutschen evangelischen Schulkongreß. 437
und hervorgehoben, daß selbständige Charaktere nicht möglich seien ohne intellek
tuelle Durchbildung. Und was er andererseits gegen die so weit verbreitete
Überschätzung der intellektuellen Bildung, gegen die einseitige Pflege von „Kennt
nissen ohne Fertigkeiten" beibrachte, gegen die Schulfabriken mit ihrem Fachlehrer
system, wo man die Teile wohl in der Hand hat, es fehlt leider nur das geistige
Band, gegen oberflächliche Kenntnisnahme und bloßes Anlernen ohne Assimilation,
gegen Züchtung einer vorlauten Kritik, die unfähig wird, das geschichtlich Ge
wordene zu begreifen — das waren alles gute und nicht zu bestreitende Gedanken.
In diesem Vortrage kam ebenso wie in Voigts und dem ersten Vortrage des
Professor Brecher über den Geschichtsunterricht als das Maßgebende die Idee
des erziehenden Unterrichts zur Geltung, die eine allgemeine geistige
Durchbildung, also keine bloß intellektuelle, und die Grundlegung eines sittlichen
Charakters fordert.
Die Reihenfolge der Vorträge rückwärts durchlaufend können wir auch in
bezug auf den ersten unsere hohe Befriedigung aussprechen. Wenn der Geschichts
unterricht in den höheren Schulen gegenwärtig, zumal auf Grund der neuen
Lehrpläne, nach den Grundsätzen des Professor Brecher betrieben wird, dann
können wir den Gymnasiasten gratulieren und gar viele Vorwürfe gegen den un-
pädugogischen Unterrichtsbetrieb der Gelehrtenschulen werden hinfällig. Brecher
will nur unmittelbar bildenden Stoff zulassen, macht die Qualität, nicht
die Quantität des Dargebotenen zum maßgebenden Gesichtspunkt, verlangt wie
Dir. Voigt den idealen Umgang der Schüler mit den großen Persönlichkeiten
der Geschichte, legt, ohne die klassischen Völker des Altertums bei seile zu schieben,
das Hauptgewicht auf das Verständnis des für das Christentum so besonders
empfänglichen deutschen Volkes und seiner herrlichen Geschichte, und räumt der
Kritik eine wichtige Stelle im Geschichtsunterricht ein.
Die durch diese vier Vorträge gekennzeichneten Verhandlungen wurden ein
gerahmt durch die feierlichen Eröffnungsansprachen, in welchen u. a. unser Vor
sitzender, Herr Hogeweg, sehr glücklich betonte, daß der Ev. Schulkongreß nichts
mit politischem Parteitreiben zu thun habe, die geweihte und ergreifende Rede
des 92jährigen Geh.-R. Wiese und die Schlußansprache des Redakteurs und
Lehrers a. D. Schrempf aus Stuttgart. Sehr viele dieser Äußerungen und
namentlich des wackern Schrempf Rede ließen ebenso wie so manche Bemer-
kungei?) der Vorträge und der Diskusion erkennen, wie sehr auch diese päda
gogischen Verhandlungen unter dem Zeichen der socialen Frage stehen;
wie es auch wohl nicht ganz zufällig war, daß zahlreiche Mitglieder des Kon
gresses am Freitag Abend nach Beendigung aller Potsdamer Festlichkeiten sich in
Berlin noch einmal in der großen Versammlung der „Christlich Socialen" wieder
fanden. Und wir meinen, daß grade durch die ungesuchte Beleuchtung ver
schiedener Probleme auch vom socialen Gesichtspunkt aus, wie es namentlich
Hindrichs vorzüglich durchführte, der Kongreß bewiesen hat, daß er seiner Auf
gabe, in der Gegenwart zur Hebung des Volkslebens beizutragen, durchaus ge-
9 Von diesen möchte ich namentlich noch die aus Hindrichs Vortrage hier fest
legen, wonach die Aufhebung der Gliederung und sozusagen Vermassung der unteren
Stände eine der schlimmen Ursachen unserer socialen Nöte darstellt. Interessant war
dabei die Notiz, daß die Maschinenarbeiter, bei denen die chaotische Vermengung und
Einerleiheit noch nicht so Platz gegriffen, sondern noch eine gewisie Abstufung sich er
halten hat, sich mehr von den Socialdemokraten fern halten als andere Arbeiter.
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