Herbstkonferenz des ev. Lehrervereins für Minden-Ravensberg. 439
dam gehörten Vortrage von Schulrat Remppis (vgl. o.); und auch hier wurde
in der Diskussion das Bedenken geltend gemacht, ob man nicht dem Begriff „all
gemeine Bildung" unrecht thue, wenn man nur eine einseitige und oberflächliche
Behandlung oder Vertretung desselben ins Auge fasse, und darauf hin versucht
sei, die Sache selbst zu verwerfen. Gewiß habe der Referent recht, den bloßen
Anstrich einer allgemeinen Bildung oder eine sogenannte allgemeine Bildung
aufs schärfste zu kritisieren und zu verurteilen; aber diese seichte Vorstellung des
Bildungsphilisters dürfe doch nicht ohne weiteres dem Ideal „allgemeine Bildung"
zur Last gelegt werden. Denn mit diesem Begriff, so verschwommen er auch für
die meisten ist, hat der Volksgeist doch wirklich ein Ideal bezeichnen wollen, und
es komme nur darauf an, nicht gegen diesen Begriff zu polemisieren, sondern
dieses Ideal in der richtigen Ausprägung und näheren Bestimmung vertieft und
verklärt dem Volksgeiste wieder zurückzugeben und nahe zu bringen. Allge
meine Bildung kann ja unmöglich ein Konglomerat von allerhand Wissensbrocken
bedeuten, so daß man von allen Dingen ein wenig Kenntnis genommen habe,
und über alles und jedes im Salon oder auf der Bierbank mitschwatzen könne;
eine wirklich allgemeine Bildung kann doch nur in der vollständigen geistigen
Durchbildung bestehen, also eben in dem, was der Referent will, in der
Ausbildung der gesamten Persönlichkeit. Stellt doch auch das ..gebildete" Durch-
schuittsurteil an einen „gebildeten Menschen" noch andere Forderungen als die
der möglichsten Wissensbreite; es verlangt von der Persönlichkeit eine gewiffe
innere, feinere Haltung, durch die er sich vor der rohen Masse auszeichnet, auch
wenn diese Haltung möglicherweise oft nur in angelernten Höffichkeitserweisen und
konventionellen Formen besteht. Der Sinn dieser „gebildeten" Formen ist doch
immerhin der. daß der Gebildete sich einer Selbstbeschränkung und Zurückhaltung,
eines verständnisvollen Entgegenkommens und einer Aufmerksamkeit gegen den
Nächsten besteißigt, die den Verkehr miteinander erst genußreich macht, während es
das Kennzeichen des ungebildeten Menschen ist, immer von sich selbst und seinen
Interessen zu reden und für die des andern kein Verständnis zu haben. Daß
in diesem tieferen Sinne wahre Herzensbildung keineswegs eine Domäne der Leute
von „Bildung und Besitz" ist, sondern oft bei den schlichtesten und unwissendsten
Menschen gefunden werden kann, lehrt die Erfahrung.
Am andern Morgen hielt Pastor Simon-Bielefeld die Andacht über das
Evangelium des Michaelistages, Matth. 18, 1—11, „das eigentliche Evangelium
für Lehrerkonferenzen," und beschrieb in andringender Weise den Lehrerdienst als
einen Engeldienst, wies bei der Hervorhebung der Kindeseinfalt auch auf deren
Gefahren hin —, je empfänglicher und kindlicher ein Kind ist, um so näher
ist es dem Himmel, um so näher aber auch der Hölle, denn dadurch grade wird
es zum Spielball für alle Einflüsse, gute und böse" — und mahnte zur Demut:
„Michael - Wer ist wie Gott?"
Lehrer Kremer-Quelle führte sodann eine mit großem Beifall aufgenommene
praktische Lehrprobe über den Kerkermeister zu Philippi vor, und erbrachte
damit den Thatbeweis für die Zweckmäßigkeit der Methode des darstellenden
Unterrichts, der in der Psingstkonferenz zu Herford verlangt war. (Vgl. Nr.
9 d. Bl. S. 355.) Wir hoffen, diese Präparalion demnächst bringen zu können.
Die „Piece de resistance“ der Konferenz war aber der Vortrag von
Rektor Hark gegen die Schulbibel. Schon die rationalistische Herkunft des Schul
bibelgedankens macht nach Hark denselben verdächtig; doppelt bedenklich aber sollte
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