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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
man werden, wenn man sieht, wie energisch und mit welchen Hintergedanken die
Schulbibel heutzutage von der kritisch-liberalen Richtung in der Kirche gefordert
wird. Indessen ist Hark doch so gerecht, daß er aus der Schulbibel durchaus
keine Partei- oder gar Glaubensfrage gemacht wissen will; ist ihm selbst doch auf
der Berliner Pastoralkonserenz grade der „hochorthodoxe" Hofpr. Stöcker sehr ent
schieden in dieser Sache entgegengetreten. Referent prüft nun die gegen den Ge
brauch der Vollbibel in der Schule erhobenen Einwürfe im einzelnen und sindet
sie durchaus nicht so gewichtig, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Die Voll
bibel habe kein größeres Gewicht als die neuen Schulbibeln; bezüglich des Um
fang? sei auch von vielen andern Schulbüchern, zumal auch von den bisher ver
öffentlichten Schulbibeln selbst, zu sagen, daß sie weit mehr Stoff böten, als in
den Schulen verarbeitet werden könnte; wenn so vieles über das Verständnis der
Kinder hinausliege, nun, so lasse man eben solche Abschnitte aus. Was nun den
Haupteinwurf, die Anstößigkeit der Bibel in sittlicher Beziehung, anlange, so
meine zwar auch er, daß man mit dem Worte „Dem Reinen ist alles rein" nicht
über die Sache hinwegkommen könne, dies Bedenken dürfe aber noch lange kein
Grund sein, die Vollbibel aus der Schule zu entfernen. Denn vieles, wenn nicht
alles in dieser Hinsicht Bedenkliche trete auch anderswie an die Kinder heran;
das bibelfreudigste Volk, die Engländer, die alles lesen und auch die Kinder lesen
lassen, sei keineswegs sittlich verdorbener als die Deutschen oder Franzosen; und
vor allem werde ja durch Einführung der Schulbibel hierin nichts gebessert, weil
durch die Auslassungen die Schüler erst auf die verfänglichen Stellen aufmerksam
gemacht würden, während doch die Schule immer noch die Überwachung in der
Hand habe, wenn die Kinder an solche Abschnitte geraten, oder sich über gewisse
Abschnitte aufhalten. Gegen eine Prüderie aber, die alle natürlich-geschlechtlichen
Vorstellungen und Worte ausmerzen möchte, müsse man sich entschieden erklären.
Der entscheidende Punkt aber, der für seine bestimmte Absage gegen die Schul
bibel maßgebend sei, liege darin, daß man die Schulbibel wegen vermeintlicher
sittlicher Minderwertigkeit des Alten Testaments verlange; er gehe so weit, zu be
haupten, „daß alle Kritik dem Ansehen der Bibel in der Praxis nicht so viel
geschadet habe, wie es die Schulbibel thun würde;" wohin solle das führen?
erst einzelne Stücke des Alten Testaments, dann das ganze A. T. und endlich
wird auch das Neue beiseite geschoben! Indessen gebe er zu, daß doch wohl für
höhere Schulen ein biblisches Lesebuch wünschenswert sei, daß aber nur zu ent
halten habe, was in der Schule wirklich durchgenommen werden kann, so daß es
nun und nimmer als ein Ersatz für die Bibel in betracht käme.
Bei der vorgerückten Zeit war leider ein näheres Eingehen auf dieses wich
tige Thema nicht mehr möglich. Doch wurde manches von Belang noch gegen
den Referenten vorgebracht. Zunächst wurde die Streitfrage dahin präcisiert, es
handele sich weniger darum, ob eine Schulbibel eingeführt werden solle, sondern
ob die Vollbibel der Schuljugend in die Hände zu geben sei. Dagegen
ließen sich allerdings doch noch hinreichend schwerwiegende Gründe anführen, die
vom Referenten keineswegs schon beseitigt wären. Die Bibel sei zum Zwecke
eines Schulbuches zu gut und zu heilig. Wenn unsere Schulkinder über
haupt noch einen Rest von Pietät gegen Lehrer und Einrichtungen sich bewahrt
haben, so übertragen sie doch dieselbe am allerletzten auf ihre Schulbücher; es
könne die Achtung des Volkes vor der Bibel nicht vermehren, wenn es das Buch
der Bücher in den Händen der Schüler den unwürdigen Schicksalen aller Schul-

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