Aus dem Nachlasse ff F. W. Dörpfelds.
451
alle, welche einen gesunden Sinn für lebendige konkrete Realität in
der Natur und Geschichte sich bewahrt hatten. Die älteren philosophischen
Systeme hatten sich überlebt — durch Festhalten an ungenügenden Standpunkten,
neue philosophische Systeme (Krause) konnten wegen der Begünstigung der Hegel-
schen Lehre in dem größten deutschen Staate (wo ein wahrer idealistisch-bacchan-
tischer Taumel herrschte) nicht aufkommen; auf den Hochschulen wurde nur die
Geschichte der Philosophie gepflegt, die aber nur eine Ergänzung der
philosophischen Lehre sein, — keine gründlichen Überzeugungen verschaffen
kann und eine tüchtige methodische Schulung in den Wissenschaften des Geistes
voraussetzt. So kam es, daß auf den Hochschulen eine bedeutende Schwächung
der idealen Kräfte eintrat, — die Jugend gegen das Höhere gleichgültig und
für die materialistischen Anschauungen empfänglich wurde. Zu diesen Thatsachen
in der geistigen Entwicklung gesellten sich
2. Verän derungen in d en gesellschaftlichen Zuständen, welche
den Materialismus förderten: a) durch die Schöpfung des Zollvereins ein
regeres wirtschaftliches Leben, — zunehmend durch die 1848 eintretende
freiere Gewerbeordnung und Abschaffung des Zunft- und Konzessions
wesens, — dadurch ein Aufschwung des materiellen Wohlstandes. Da wäre
auch eine Stärkung der idealen Kräfte nötig gewesen, aber dagegen erhielt die
materiale Bewegung neue Nahrung, b) durch das Fehlschlagen der politischen
Hoffnungen von 1848, e) durch die darauf folgende geistigeAbspannung
und die politische und kirchliche Reaktion.
So konnte sich in Deutschland eine Lehre ausbreiten, welche das geistige
Leben als eine Absonderung oder eine Phosphoreszierung des Gehirns
und die Kulturentwicklung zu einer Frage besserer und feinerer Ernährung
— in Förderung des Stoffwechsels und einer kräftigeren Phosphoreszierung
machte — nach dem Satze: „Was der Mensch ißt, das ist er" und den Genuß
zur Richtschnur des Handelns erhob. Dabei will der Materialismus glauben
machen, daß er den Menschen frei mache — während doch die Geschichte be
zeugt, daß — — — die Zügel der staatlichen Regierung straffer angezogen
werden müssen.
Die vielen Schriften, welche in den fünfziger Jahren auch gegen den Ma
terialismus erschienen sind, haben zwar das weitere Eindringen in die mittleren
und unteren Schichten nicht verhindert, aber doch den Materialismus als eine
Fiktion so gekennzeichnet, daß sich auch viele Kreise von ihm abwandten. — Der
Materialismus jener Zeit war gleichsam ein wüster Traum, eine Walpurgis
nacht des deutschen Geistes. (Ngl. Faust.)
Zur völligen Reinigung sind aber noch lange und schwere Kämpfe zu
bestehen mit all den Umbildungen, Verzweigungen und praktischen

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.