Aus dem Nachlasse f F. W. Dörpfelds.
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Was lehrt Schopenhauer? Anknüpfung an Fichte — den deutschen
Gegensatz zum französischen Materialismus. Fichte erklärte: die materialistische
Welt - ein bloßes Produkt des Geistes, seines Willens und seiner Vorstellung,
oder eine Bedingung des Bewußtwerdens des Ichs, — der Leib eine Objektivie
rung und Artikulierung des Willens.
Schopenhauer giebt dem eine materialistische Unterlage, aber eine
noch weiter gehende Anweudung. Seine Lehre: die Welt ist ihrem innersten
Wesen nach, als Trieb- und Bildungskraft, der Wille — das „Ding an sich."
Der Wille ist das universelle Princip, welches sich vielgestaltig individua
lisiert, -- der unendliche Naturgeist, von dem jeder Lebenslauf „nur ein kurzer
Traum, nur ein flüchtiges Gebilde ist, das er spielend hinzeichnet." Die Vor
stellung ist nur Efflorescenz des Gehirns, — Intellekt und Materie sind nur
Korrelate, eins nur Reflex des andern, im Grunde eins, — beides nur sekun
däre Erscheinungen des Willens zum Dasein. Daran knüpft sich nun der
Pessimismus: Alles Dasein beruht auf einem Wollen zum Dasein, alles
Wollen ist Verlangen, jedes Verlangen setzt voraus einen Mangel, der
Mangel schließt Leiden ein — folglich: ist alles Leben-Wollen nur Leiden,
nur eine Pein des Daseins, jede Lust nur eine augenblickliche Befriedigung
des Mangels, und wird im nächsten Augenblick vom Mißbehagen abgelöst.
So ist denn: alles Leben ein Iammerdasein, jedes Entstehen eines Wesens
ein Fehltritt, der besser nicht geschähe. Hegels dialektischer Schlußsatz
lautet: „Alles, was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht;" Schopen
hauers Schlußreim: „Drum besser wär's, daß nichts entstünde," und es wird
eine Fülle von Spott und Schimpf ausgegoffen darüber, in der so lächerlichen
und jämmerlichen Welt das Werk eines weisen Schöpfers sehen zu wollen, der
„sah, daß alles gut war," — da sie nur ein wahres Stümperwerk ist, das
uns nur Verachtung, und für alle Milgeschöpfe nur Mitleiden einflößen
kann. So müßte er den Selbstmord preisen; — so weit geht er zwar nicht;
es soll nur der Wille zum Leben nicht gewollt werden, sondern nur die Annähe
rung .an das buddhistische Nirwana, das Vergehen ins Nichts erstrebt
werden, eine Lehre, die höher stehen soll als das Christentum, weil dieses die
eitle Hoffnung auf ein Jenseits nähre.
Schopenhauers Lehre ist also: Atheismus und Nihilismus — ge
krönt mit Pessimismus — in der Theorie, denn in der Praxis bewährte
er (wie gewiß auch viele seiner Jünger) Voltaires Ausspruch, daß die Menschen,
wenn sie auch pessimistisch klagen, doch gern optimistisch leben.
Ein negatives Verdienst dieser Lehre ist: daß sie eine treffliche Schilde
rung von der Lebensgual eines Menschen gegeben hat, der vom sinnlichen und
sinnlich nie gestillten Verlangen hin- und hergeworfen wird, und nur im Tode
seine Erlösung finden kann — nach Goethes Faust:

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