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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Auf der Hauptversammlung am 11. Oktober giebt der Vorsitzende einen
Bericht über die Wirksamkeit des Vereins im verflossenen Vereinsjahr. Er hebt
die Bestrebungen der Lehrer zur Herbeiführung eines Schulgesetzes hervor und
kommt zu dem Schluß, daß in den gegenwärtigen Verhältnissen ein Besoldungs
gesetz einem Schulgesetze, das doch jedenfalls unter dem Einfluß der verschiedenen
politischen Bestrebungen nur ein Zerrbild bieten werde, vorzuziehen sei. Es wird
auf die Errungenschaft, welche in der besseren Gestaltung der Militärverhältnisse
liegt, anerkennend hingewiesen und die Hoffnung einer baldigen befriedigenden Lö
sung dieser Frage ausgesprochen. Der Vorsitzende geht alsdann auf die Thätig
keit der Einzelvereine des Bezirks näher ein und teilt mit, daß von 270 Vor
trägen, welche im verflossenen Jahr in den Einzelversammlungen gehalten wurden,
168 sich mit Gegenständen der Pädagogik und der Schulpraxis beschäftigten,
während der Stoff der übrigen der Litteratur, Theologie, Metaphysik, Natur
kunde, Geographie und vereinzelt der Politik entnommen war. Dieser bunte
Wechsel bringt Gefahr der Zersplitterung, daher ermahnt der Vorsitzende größere
Wissensgebiete zusammenhängend durchzuarbeiten und auch hierin durch Austausch der
Meinungen sich mit den Nachbarvereinen in nähere Beziehung zu setzen. Enger
Zusammenschluß auch auf dem Gebiete dieser freien Fortbildung wird warm empfohlen.
Dann folgt Bericht über den hannoverschen Provinziallehrerverein, welche
Angaben Smid-Leer noch durch einige interessante statistische Mitteilungen ergänzt.
Aus 613 Mitglieder der Witwenkasse kommen in Ostfriesland nur 73 Witwen
und 2 Waisen; das ergießt ein Verhältnis 8 : l, das in keinem Bezirk des
preußischen Staates so günstig wiederkehrt, wie denn auch nirgends verhältnis
mäßig so viele Lehrer über 90 Jahre leben, als in Ostfriesland. — Die Wahlen,
welche nun vorgenommen werden, ergeben: Schriftleiter des ostfriesischen Schul
blattes Sundermann-Norden. Vorstandsmitglieder: Vogel-Esens und Behrens-Aurich.
Lehrer Schuster-Collinghorst erhält hierauf das Wort zu seinem Vortrage:
„Das Realienbuch und dessen Verwertung in der Volksschule." Das Thema,
so führt er aus, scheint die Notwendigkeit eines Realienbuches als selbstverständlich
vorauszusetzen.
Wir wollen prüfen. Vielen sind die Realien im Unterricht ein Dorn im
Auge und die Lehrer der Regulativzeit wußten selbst nicht viel davon. Daher
wurden nach der Einführung der allgemeinen Bestimmungen Realienbücher fabri
ziert. Die große Zahl rechtfertigt ihre Notwendigkeit nicht.
Die Realienbücher bieten keine Vorteile, wohl Nachteile. Daher sind die
Freunde derselben recht kleinlaut geworden und die Realienbücher liegen nun
mehr meist unbenutzt im Buchladen. Ein Realienbuch nach Dörpfelds Grund
sätzen herzustellen, erscheint fast unmöglich.
Das Realienbuch soll dem Lehrer den Stoff zugeschnitten bieten und ihm
die Vorbereitung erleichtern. Es soll ihm die unangenehme Arbeit der Durch
arbeitung und Wiederholung abnehmen. Es soll Kindern, welche Unterricht ver
säumt haben, Helsen, die Lücken auszufüllen. Es soll glänzende Revisionsresultate
erzielen helfen. —
Daß das Realienbuch überflüssig ist, geht daraus hervor, daß der Gebrauch
desselben in der einklassigen Schule verboten ist. (!)
Es schadet auch, denn es hemmt den Lehrer in der Auswahl des Stoffes
und der freien Bearbeitung desselben. Es mutet dem Schüler zu viel Arbeit
zu, und Auswendiglernen ist bei Benutzung des Realienbuches die Parole. Seine

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