Kleine Chronik.
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es bei uns zu einer religionslosen Schule kommen sollte, wie sie in andern
Ländern bereits zur Wirklichkeit geworden sei, so werde ein Teil der Schuld
daran der Kirche zur Last fallen. Es liege darum im wohlverstandenen Interesse
der Kirche selbst, daß die geistliche Schulaufsicht, diese Hauptursache der vielfach
bestehenden Feindschaft zwischen Lehrern und Geistlichen, möglichst bald beseitigt
werde. Kirche und Schule würden wieder in ein friedlicheres Verhältnis kommen
und gemeinschaftlich an den großen Aufgaben arbeiten können, die in der Gegen
wart der Lösung harren?)
Es war vorauszusehen, daß Dr. R. diese Entgegnung nicht stillschweigend
hinnehmen würde. Er hat im Maihefte geantwortet und zwar in einer Weise,
die lebhaft an die berüchtigte rabies theologica erinnert und den Schein er
weckt, als solle der Leser durch die Krastsprache über die Schwächen der Argu
mentation hinweggetäuscht werden. Es folgt dann wieder eine längere Ent
gegnung von Herrn Fick im Juliheste, in der alle Einwendungen des Dr. R.
kritisch beleuchtet werden. Darauf nochmalige Erwiderung von Herrn Dr. R.
im Augustheft und „Letztes Wort zur Schulaufsichtssrage" von Herrn Fick im
Septemberhefte. Die erste Entgegnung des Herrn Fick veranlaßte außerdem
Herrn Hauptlehrer Klempt in Klafeld, Kreis Siegen, zu einer längeren Zuschrift
an die Redaktion, worin er seiner Freude darin Ausdruck giebt, daß die „Konser
vative Monatsschrift" einem Lehrer zur Behandlung einer die Lehrerwelt tief be
wegenden Frage ihre Spalten geöffnet habe. Sie unterscheide sich darin vorteil
haft von fast allen konservativen Blättern, die sich gegen die Wünsche des Lehrer
standes einfach ablehnend verhielten, ohne sie auf ihre Berechtigung hin zu prüfen.
Er geht dann noch näher aus die den Lehrern gemachten Vorwürfe der Un
zufriedenheit, Unchristlichkeit u. s. w. und auf die Frage der geistlichen Schul
inspektion ein. Was die Lehrer mit Recht verlangen könnten sei: 1. Fachaufsicht;
2, Vertretung in der Schulverwaltung, besonders im Schulvorstande; 3. eui
auskömmliches Gehalt (Maiheft). Diese Zuschrift hat den Herrn Fr. Schulze,
Pfarrer und Ortsschulinspektor in Adenbüttel, Kreis Gifhorn, zu einer Ent
gegnung veranlaßt, die sich durch ihren rein sachlichen und ruhigen Ton sehr
vorteilhaft von dem plumpen Gebelfer des Herrn Dr. R. abhebt (Juniheft).
Herr Klempt hat darauf geantwortet im Juliheft, darauf Herr Schulze wieder
im Septemberhefte.
Wir berichten über diesen Meinungsaustausch über die geistliche Schulinspek
tion nur deshalb, weil es ein hervorragendes und angesehenes konservatives
Blatt ist, das hier Mitgliedern unseres Standes bereitwilligst das Wort zur
Vertretung unserer Standeswünsche gewährt hat. Es ist das sicherlich ein er
freuliches Zeichen. Vor zehn Jahren noch wäre so etwas nicht möglich gewesen.
Auch sonst fehlt es nicht an Anzeichen, daß man in konservativen Kreisen an
fängt, eine freundlichere Stellung unsern Standesforderungen gegenüber einzu
nehmen. Das gilt insbesondere von dem christlich-socialen Flügel der
konservativen Partei. Da ist zunächst hervorzuheben, daß das neue Programm
der christlich-socialen Partei, das im Juli aus einem Parteitag in Eisenach be
raten und angenommen worden ist, der Schule eine hervorragende Beachtung
i) In den „Monatlichen Mitteilungen des Vereins zur Erhaltung
der evangelischen Volksschule" Nr. 3, 1895 hat Herr Pastor a D> Zillessen
die Auslassungen des Or. R. ebenfalls einer ausführlichen und sckarfen Kritik unter
zogen.

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