484 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
zu entnehmen, daß jener Kritiker des Nürnberger Vorschlages einen Genossen
gefunden, der ihn an blindem Eifer noch übertrumpft, im Handumdrehen Herbarts
Psychologie mit Beihilfe von Dittes (!) in die Pfanne haut und alle schüchternen
Versuche der Pädagogen, den Theologen mit etwas psychologischer Einsicht unter
die Arme zu greifen, höchst beleidigt von sich weist, denn, so wird emphatisch
ausgerufen: „Die Kirche kennt Gott, den Menschen, das Kind, ihre Aufgabe" !
Gewiß, die evangelisch-lutherische Kirche ist ja infallibel und bedarf der Belehrung
durch „im Dunkel tappende Philosophen" nicht; für sie ist ja die erste
der 95 Thesen ihres Begründers nicht geschrieben! — Andrerseits wird dieses
betrübende Zeugnis reichlich ausgewogen durch die einstimmige Erklärung der
Hersbrucker Pfarrkonferenz in Bezug aus den Nürnberger Vorschlag, die
anerkannte, daß dem Religionsunterricht die rechte Einheitlichkeit fehle, daß
also Konzentration im Sinne der Lehrer zu fordern, daß der gesamte Ge
dächtnisstoff an die biblische Geschichte anzureihen und eine Reduzierung desselben
vorzunehmen sei. Gegenüber dieser principiellen Zustimmung zu dem Grund
gedanken des Vorschlags kommen die erhobenen Bedenken wenig in Betracht.
Wir freuen uns herzlich dieses Morgenrotes für den Religionsunterricht in
Bayern. R—n.
3. Lin Urteil über die Volksschule vom Standpunkt der Socialpolitik?)
Würde die Volksschule zu größerer Leistungsfähigkeit gehoben, dann würde
sie auch in der That zur allgemeinen Bildungsanstalt für alle Klassen
der Bevölkerung werden und das Ideal der Einheitsschule sich so auf die ein
fachste Weise verwirklichen. Sie würde dann auch alle diejenigen Schüler fest
halten können, welche für eine höhere Ausbildung bestimmt sind, und man würde
dann richtigerweise von ihrem erfolgreichen Besuch den Eintritt in höhere Lehr
anstalten überhaupt abhängig machen. Heute sind wir an den unglücklichen
Punkt gelangt, daß die Volksschule in den Städten zur Anstalt für die unteren
Volksklassen herabgesunken ist, und weil diejenigen Kreise, welche über ihre Ein
richtungen zu beschließen haben, die Kinder nicht in ihren Unterricht schicken, so
nehmen sie an ihr überhaupt kein genügendes Interesse, so daß der wirksamste
Hebel für die Besserung der Volksschulverhältnisse wegfällt. Socialpolitisch ist
dieser Zustand aufs höchste zu bedauern; an sich schon ist es betrübend, daß be
reits im jugendlichen Alter der beginnenden Schulpflicht die verschiedenen Schichten
der Bevölkerung von einander getrennt werden. Gelingt es, die Volksschule er
heblich zu bessern, so wird es nicht einmal eines Zwanges bedürfen, um auch
die Kinder der oberen Bevölkerungsklassen ihr zuzuführen; man braucht aber auch
vor einem solchen Zwange kein Bedenken zu haben, um so mehr, als in Wirklich
keit außerordentlich viele Schüler höherer Lehranstalten in den ersten Jahren
ihrer Schulpflicht der Volksschule angehörten, ein Verhältnis, das namentlich in
Bayern, aber auch in den übrigen süddeutschen Staaten sehr viel häufiger ist
als in Preußen.
Freilich begegnet die Ansicht, daß unsere Volksschule in solcher Art aus-
') Zugleich Anzeige des interessanten Buches von Dr. N- Br ü ckner: Erziehung
und Unterricht vom Standpunkt der Socialpolitik. Berlin, 1895. Siemenroth & Worms.
2 M. 158 S. Obiger Abschnitt findet sich in diesem Buche S. iu f. Wir behalten
uns vor, uns noch näher mit demselben zu beschäftigen. R- n-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.