Dörpfeld und die religiösem Klassiker.
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altheidnischen oder halbheidnischen Größen der weltlichen Litteratur auf eine Stufe
gerückt werden sollten. Wer aber so urteilt, vermag nicht Form und Inhalt zu
unterscheiden, nicht eine Sache bis zu Ende durchzudenken; oder er läßt sich wohl
durch Schlagworte schrecken. Die Nebeneinanderstellung von religiösen und „pro
fanen" Klassikern ist durchaus nicht so ungeheuerlich. Denn zunächst waren ja
doch auch die heiligen Schriftsteller wirkliche, leibhaftige Menschen, allerdings
Männer Gottes, erfüllt vom heiligen Geiste und als solche auf einer unendlich
höheren sittlich-religiösen Stufe stehend als die anderen Klassiker. Und sodann
liegt doch wohl schwerlich eine Herabwürdigung darin, daß man die biblischen
Schriftsteller als „Klassiker des heiligen Geistes" bezeichnet, also als ebenso
mustergültige Vertreter des vom heiligen Geiste beherrschten Litteraturgebietes, wie
die profanen Klassiker als mustergültige Vertreter der Sprachbildung und des
rein menschlichen Geisteslebens und der Bildung überhaupt angesehen und geschätzt
werden.
2. Ge-eutung der religiösen Klassiker.
Aber ist eine Bezeichnung, die irgendwie mißdeutet werden kann, nicht doch
unzweckmäßig und lieber zu vermeiden? Dann nicht, wenn sie etwas ausdrückt,
was mit keinem andern Namen ebenso gut angedeutet werden kann. Klassiker
sind die besten Vertreter ihres jeweiligen Gebietes, geeignet für alle Zeiten Norm
und Maß abzugeben und die Seelen zur Anteilnahme an dem in ihnen strömenden
Geistesleben zu erheben. Religiöse Klassiker sind die, die in ursprünglicher,
originaler Weise von religiösem Leben erfüllt und von Gott berufen, also auch
in stand gesetzt sind, in ursprünglicher Weise von den unter ihnen geschehenen
„großen Thaten Gottes" zu zeugen, die uns demgemäß in ursprüng
lichster und reinster Form die Gemeinschaft des Menschen mit Gott vor die
Seele stellen und zu Gemüte führen, geeignet auch uns näher zu Gott zu bringen,
daniit wir selbst heiligen Umgang mit dem Vater, der mit uns reden will, pflegen
lernen. Und wo irgend eine Irrung und Trübung des religiösen Lebens ein
tritt — und die Menschen können als Menschen es niemals vermeiden, das
Evangelium Gottes zu trüben — da müssen wir uns immer aufs neue an den
Klassikern des Christentums, an einem Paulus und Johannes zurechtfinden
(„orientieren"), wie es bei der Reformation geschah. Diese letztere Bedeutung
der religiösen Klassiker wird im theologischen Sprachgebrauch mit dem Ausdruck
„Normativität der heiligen Schrift" bezeichnet; doch bleibt dieses Abstraktum eben
als solches leicht in der Äußerlichkeit, Leblosigkeit hängen und thut daher in der
Anwendung der „Schrift" oder des „Es stehet geschrieben" als starrer Vor
schrift für Glauben und Leben häufig eben nur seine knechtende oder abschreckende
Wirkung, während der Begriff Klassiker in seiner konkreten Lebendigkeit uns
wesentlich an die persönlichen Träger und mustergültigen Zeugen
des christlichen Glaubenslebens bindet und auf die persönliche Gemein

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