50
1. Abteilung. Abhandlungen.
i)t. Die letztere, die Disposition des Gemüts, giebt sich nun beim Ethischen so
kund. Wenn einer Person eine Handlung (resp. Gesinnung) zur Anschauung
kommt, welche moralische oder unmoralische Elemente enthält, wenn dann diese
Person so weit intellektuell entwickelt ist, daß ihr die moralischen oder unmoralischen
Charakterzüge dieser Handlung merkbar werden können (also z. B.: wenn sie eine
Ohrfeige von einer Liebkosung unterscheiden kann); und wenn dann jene moralischen
oder unmoralischen Charakterzüge der Handlung (resp. Gesinnung) wirklich
anschaulich aufgefaßt werden —- in irgend einem Maße—: so meldet sich
sofort in eben diesem Maße ein Gefühl, nämlich das Gefühl der Billigung
oder Mißbilligung. (Ähnlich beim Ästhetischen, wo das Gefühl des Ge
fallens oder Nichtgesallens entsteht; — und beim Logischen, wo das
Gefühl der Zustimmung slogischen Befriedigung - asssnZus logicus] oder
Nichtzustimmung entsteht.)
Hat nun bei einer Person, gleichviel ob jung oder alt, eine solche Anschauung
(samt der dadurch erzeugten Gefühlsregung) auch nur ein einziges Mal stattgefunden,
so ist damit die Entwicklung des Gewissens, d. i. des ethischen Wissens, eingeleitet;
und sobald die bewußte Absicht hinzutritt, jetzt auch nach den wahren Kenn
zeichen des Ethischen zu fragen, so beginnt damit die wissenschaftliche Erforschung
der Ethik.
Die Gewissensanlage ist also dem menschlichen Geiste ein ge sch affen; aber
die Entwicklung ist Sache der Zeit, und die Wissenschaft der Ethik kann,
gleich allen übrigen Wissenschaften, nur allmählich der Vollkommenheit sich an
nähern. Ihr Forschungsweg ist genau derselbe wie bei allen Erfahrungswifsen-
schaften — die Methode der Induktion; und ihre Resultate, soweit sie wissen
schaftlich erworben und kontrolliert sind, besitzen dieselbe Evidenz wie die aller
übrigen Erfahrungswisscnschaften.
Woher es gekommen ist, daß über den Begriff des Gewissens so viel Unklarheit
herrscht; und daß die Ethik in den Ruf der Unsicherheit hat geraten können, —
das ist ein langes Sündenkapitel, worauf ich mich hier nicht einlassen darf.
Ähnlich oder vielmehr noch verwickelter liegt die Frage von der sogenannten
Willensfreiheit und die von der sittlichen Freiheit, wovon die Ethik spricht.
Hier läßt sich mit etlichen hingeworfenen Sätzen keine Klarheit schaffen. Ein
Teil der Verwirrung stammt vom sprachlichen Ausdruck her. Der Begriff
„Freiheit" ist ein negativer (- ohne Zwang), während das Wort positiv
lautet, und demnach die Meinung erweckt, es stecke eine Kraft dahinter oder darin.
Ein zweiter Grund der Verwirrung liegt in der alten Vermögens
hypothese bei den Psychologen. Darnach denkt man sich den „Willen" als
eine einheitliche Kraft, während der Mensch doch in Wahrheit so vielerlei Willen
besitzt, als er Gefühlsregungen hat.
Eine dritte Unklarheit rührt her (bezüglich des Freiheitsbegriffs in sittlichem

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.