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Aus dem Nachlasse t F. W. Dörpfelds.
Sinne) von der unzulänglichen psychologischen Kenntnis dessen, was „Gewissens-
anlage" und was „Gewissen" ist. Eine vierte von der mangelhaften
Kenntnis der (prinzipiellen) Ethik, indem man sich die Ethik nur in der Form
der Pslichtenlehre oder der Tugendlehre oder der Güterlehre vorstellen kann,
während diese Formen doch allesamt mangelhaft sind und sein müssen. Eine
fünfte daher (wieder aus der mangelhaften Ethik), daß man das objektive U r t e i l
über gut und böse nicht von dem Begriffe der Vera ntwortlichkeit zu scheiden
weiß. Eine sechste daher, daß man meint, das ethische Wissen sei abhängig von
dem Gottesbegriff.
Da gäbe es also viel zurechtzustellen. Will jemand aus diesem Gebiete sich
orientieren, so muß er zuerst sich vergegenwärtigen, wie wir überhaupt dazu
kommen, von einer Freiheit des psychischen Lebens zu sprechen. So schreiben wir
z. B. dem Tier schon eine gewisse Freiheit zu im Vergleich zur Pflanze;
wiederum den höher» Tieren mehr Freiheit als den niedern, weil jene nicht
lediglich dem sogenannten Instinkt folgen, sondern schon zuweilen, wo der Zweck
gesetzt ist, hinsichtlich der Mittel in einem gewissen Maße überlegen und wählen;
wie denn z. B. der Hund, wenn er über einen Graben springen will, die Stelle
aufsucht, wo er am schmälsten ist. So schreiben wir weiter dem Menschen
eine bedeutend größere Freiheit des geistigen Lebens (also auch des Willens) zu
als den höchsten Tieren, weil er vermöge der größeren Intelligenz einen größeren
Spielraum hat in der Zwecksetzung und der Wahl der Mittel. Noch mehr er
weitert sich dieser Spielraum au Umfang und innerer Mannigfaltigkeit, wenn der
Mensch seine Zwecke nicht bloß setzt nach dem Gesichtspunkte des sinnlichen
Wohlseins (und der Nützlichkeit), sondern auch das Erkennen als solches
(Wahrheit) für ihn Wert gewinnt, noch mehr, wenn auch die ästhetische Wert
schätzung (Idee des Schönen) beginnt, und endlich noch mehr, wenn die ethische
Wertschätzung (die Idee des Sittlichen, welches nicht bloß Wert, sondern auch Würde
hat) mit eingreift. Da haben wir die „Freiheit" (inkl. Willensfreiheit) in ihren
verschiedenen Abstufungen, wie sie als empirische Thatsache naturgegeben, also
auch nach ihren Vorbedingungen angeboren ist. Daher das Wort „Freiheit" resp.
Willensfreiheit. Heißt nun diese Willensfreiheit, daß das Wollen rein „aus sich
selbst", ohne Motive, sich bestimme? Gewiß nicht. Das Wollen wird bestimmt
durch die Gefühle» und diese sind abhängig von den Vorstellungen, und diese haben
wieder ihre Vorbedingungen. Der Gedanke, daß der Wille ohne Motive rein
„aus sich selbst", sich bestimmen könne, ist ein Ungedanke. Das Wollen ist viel
mehr determiniert und determinierbar. Wäre es anders, so würde das
heißen, daß auf dem geistige» Gebiete das Kausalgesetz nicht gelte. Es würde
weiter heißen, daß die erziehliche Einwirkung auf den menschlichen Willen unmöglich,
also die Erziehungsidee Unsinn sei, während doch die Erfahrung zeigt, daß die
Erziehung (und Verziehung) den Willen in einem gewissen Maße determinieren
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