Alls denl Nachlasse t F. W. Dörpfelds.
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Angenommen ferner, Sie sähen in diesen Zweifeln und in dem, was Sie aus diesem
Unglauben heraus wider die betreffenden Lehrpunkte oder wider die Gläubigen re.
aggressiv oder „lästerlich" geredet haben, die Sünde wider den heiligen Geist.
Demnach würden Sie also annehmen, diese Sünde läge auf dem Gebiete des
Dogmatischen uild bestehe in irgend einem Maße des Unglaubens und in
dem, was aus diesem Unglauben heraus geredet oder gethan wird. Hier muß ich
nun vorab einen theologischen Irrtum berichtigen. Ich meine zwar, diesen Punkt
schon im vorigen Briese klargestellt zu haben; es wird aber wohl nicht deutlich
genug geschehen sein.
Alle Sünde, heiße sie, wie sie wolle, liegt und kann nur liegen auf dem
ethischen Gebiete: sie besteht im Nichterfüllen einer anerkannten moralischen
Pflicht. Gebietet aber die Moral, irgend welche Wahrheiten — sagen wir,
es seien ganz sichere, sei es in der Mathematik oder in der Naturkunde oder
in der Religion — zu wissen, zu erkennen resp. zu glauben, so daß
also das Nichtwissen und Nichterkennen resp. Nichtglauben Sünde wäre? Oder
mit andern Worten: kann das Wissen und Nichtwissen, das Erkennen und Nicht-
erkenuen, das Überzeugtsein und Nichtüberzeugtsein als solches ein Gegenstand der
moralischen Beurteilung sein? Oder noch anders gesagt: hat das Wissen,
das Erkennen, düs Überzeugtsein als solches eine moralische Würde, und ist
die Unwissenheit, das Nichterkennenkönnen und das Nichtüberzeugtsein als solches
eine strafwürdige moralische B e r s ch u l d u n g? Gewiß nicht. Beim Nicht
wissen und Nichteinsehenkönnen leuchtet das auch jedermann sofort ein; denn sonst
würden die Gebildeten und Gelehrten eitel Heilige und die Unwissenden, die Kinder,
die armen Idioten rc. lauter Schurken sein. Vom Überzeugtsein und Nicht
überzeugtsein (bei nicht völlig erweisbaren Wahrheiten) gilt aber dasselbe, gleichviel
ob es sich auf religiöse oder auf andere Wahrheiten bezieht. Warum denn?
Das Überzeugtwerden ist ein rein intellektueller Vorgang, der nicht vom Willen,
sondern von bestimmten intellektuellen Vorbedingungen (Apperceptionsbedingungen rc.)
abhängt. Es muß mit natnrgesetzlicher Notwendigkeit eintreten, wenn die Vor
bedingungen erfüllt sind, und kann nicht eintreten, wenn diese Bedingungen nicht
erfüllt sind. Hängt nun das Überzeugtwerden nicht vom Willen ab, so kann das
Glauben und Nichtglauben als solches auch nicht Gegenstand der moralischen Be
urteilung sein, denn das moralische Urteil ergeht lediglich über den Willen und
das, was vom Willen abhängt (Handlungen).
Schon Sokrates und seine Schüler wußten das, wenn sie auch in diesem
Punkte noch nicht völlig klar sahen. Fallen aber die Christen dabei in einen
Irrtum, so haben sie keine Entschuldigung; denn die Schrift sagt schon im Alten
Testament: „Der Herr siehet" — nicht den Kopf, sondern — „das Herz an",
das ist die Gesinnung, oder wissenschaftlich ausgedrückt den Willen. Kann nun
das Glauben und Nichtglanben als solches nicht Gegenstand der moralischen Be

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