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I. Abteilung. Abhandlungen.
urteilung sein, also der Unglaube als solcher nicht Sünde genannt werden, so
folgt daraus, daß im Unglauben als solchem und in seinen Äußerungen
die Sünde wider den heiligen Geist nicht liegt und nicht liegen kaun. Der
Apostel Paulus klagt sich an: „Ich war ein Verfolger (Stephanus Ermordung!)
ein „Lästerer"; aber es fällt ihm nicht ein zu meinen, daß er die Sünde wider
den heiligen Geist begangen habe, vielmehr fügt er bei: „Doch ich habe es un
wissend gethan, im Unglauben".
Obgleich nun Wissen und Nichtwissen, Glauben und Unglauben als solche
keiner moralischen Beurteilung unterworfen sind, so folgt daraus nicht, daß sie
etwas Gleichgültiges seien. Die Wahrheit und ihre Erkenntnis sind im Gegenteil
etwas Hochwichtiges, — schon in profanen Dingen, wie vielmehr in Fragen des
Seelenheils. Aber das Erkennen an sich unterliegt nur dem einzigen Urteil, ob
es richtig ist oder falsch; und dieses Merkmal ist ein rein intellektuelles.
Aus jenem Grundsätze folgt ferner nicht, daß beim Nichtwissen uni) Unglauben
nicht unmoralische Einflüsse im Spiele sein könnten. Solche können möglicherweise
ja da sein, nämlich im Unter- oder Hintergründe, namentlich bei religiösen Dingen.
Diese unlauteren Einflüsse bestechen dann den Verstand, d. h. sie lassen ihm
die Dinge anders erscheinen, als sie wirklich sind. Er kaun nicht anders urteilen
und sich entscheiden (überzeugtwerden), als er sieht, resp. zu sehen meint. Wird
er dabei getäuscht, so ist er eben betrogen worden. Er selbst ist dabei schuldlos,
denn seine Entscheidung fällt stets so aus, wie sie naturgesetzlich nicht anders kann.
Soll nun irgend ein Nichtglauben, bei dem unmoralische Einflüsse mitgewirkt
haben, nach seinem Gesamtbestande moralisch gewürdigt werden, so sind jene be
trügerischen Einflüsse einzeln ans Licht zu ziehen und nach Gebühr zu richten;
das intellektuelle Wissen aber und der Überzeugungsakt sind als schuldlos bei
seite zu stellen, da hier lediglich das in Frage kommt, ob sie richtig oder un
richtig sind.
Endlich noch ein drittes, was zur Abwehr von Mißverständnissen bei dem
obigen Satze gehört. Ich sagte dort auch: alle Sünde liege auf dem m o -
ralischen Gebiete, nicht auf dem dogmatischen. Daraus folgt nicht, daß
die Sünde nichts mit den religiösen Dingen zu thun habe. Zu den moralischen
Pflichten gehören auch die Pflichten gegen Gott: Ehrfurcht, Dankbarkeit, Liebe
und Vertrauen. Diese religiösen Pflichten entstehen aber erst dann, wenn der
Glaube an Gott feststeht. Daraus folgt: so lange dieser Glaube noch nicht
feststeht, so lange unterliegt dieser Unglaube als solcher und das, was er wider
jene Pflichten redet und thut, keiner moralischen Beurteilung. Inwiefern
bei demselben hinterstellig unmoralische Einflüsse des verkehrten Herzens im Spiele
gewesen sind, so ist vorhin bereits das Nötige gesagt.
Aus dem allen wird demnach von einer neuen Seite her bewiesen, daß Ihre
Vorstellung von der „Sünde wider den heiligen Geist" — falls ich Ihre Vor-

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