Ans dem Nachlasse ch F. W. Dörpfelds.
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stellung richtig gefaßt habe — gänzlich falsch ist. Diese Sünde kann also nicht
mit Namen, die vom dogmatischen Gebiete hergenommen sind, bezeichnet werden;
sie liegt wie alle übrigen Sünden auf dem ethischen Gebiete, und dort ist ihr
richtiger Name zu suchen. Er heißt einfach: eine ethische Wahrheit, die man an
erkannt hat und anerkennen muß, wider besseres Wissen und Gewissen absichtlich
ableugnen, bekämpfen und unterdrücken, bis das Gewissen so abgestumpft ist, daß
sie wirklich nicht mehr erkannt wird. So der Anfang — bei einer einzigen,
vielleicht kleinen ethischen Wahrheit; schreitet dann die Abstumpfung bis zur be
wußten Ableugnung aller ethischen Wahrheiten fort, so ist jene Sünde vollendet
da. Im Unglauben als solchem und den daraus hervorgehenden „Lästerungen" rc.
kann — wie vorher gesagt — die „Sünde wider den heiligen Geist" nicht liegen;
denn die Pflichten gegen Gott, wider die hier anscheinend gesündigt wird, erwachen
und gelten erst dann, wenn die Glaubensüberzeugung feststeht. Sind nun un
moralische Herzenseinwirkungen im Spiele gewesen, welche das Glauben verhindert
haben, so liegen diese gänzlich auf dem Gebiete der Ethik. Wären dann jene
unmoralischen Einwirkungen derart, daß man an die „Sünde wider den heiligen
Geist" denken dürfte, so würde dieselbe doch erst völlig da sein, wenn die mo
ralische Abstumpfung vollendet ist. Das weiß aber nur der allwissende
Herzenskündiger, kein Mensch, und der betreffende Sünder selbst am allerwenigsten.
Es kann also wohl sein, daß ini Unglauben und den daraus hervorgehenden
Lästerungen, Verfolgungen rc. die verborgenerweise dahinterstehende „Sünde wider
den heiligen Geist" zur Erscheinung kommt; aber dann ist dieser Unglaube
als solcher nur das schuldlose intellektuelle Symptom des Übels; das eigentliche
Übel (die „Sünde wider den heiligen Geist") sitzt nicht im Kopfe, oder in der
Zunge, oder in den Füßen, sondern im Herzen, und ist nicht dogmatischer,
sondern rein ethischer Art. (In der heiligen Schrift wird häufig der Glaube
ohne weiteres gelobt und der Unglaube ohne weiteres getadelt. Hier mnß zunächst
besehen werden, ob dieses Urteil sich lediglich auf die Richtigkeit resp. Un
richtigkeit der betreffenden Überzeugung (und auf deren Folgen) beziehen soll, oder
aber auch auf eine damit in Verbindung stehende moralische Qualität. Im
ersteren Falle hat die Exegese zu bedenken, daß man es mit einer praktisch ab
gekürzten Ausdrucksweise zu thun hat, bei der ein fehlendes Glied ergänzt werden
muß. Dieses fehlende Glied ist eben die hinter dem intellektuellen Fürwahrhalten
stehende moralische resp. unmoralische Herzensstellung. (Vgl. darüber das
entscheidende Wort Christi Matth. 7, 20—23).)
Der Anfang der psychischen Befreiung (nämlich hinsichtlich der moralischen
Fesseln) wäre leicht zu gewinnen, und der Anfang der Heilung ist ja über
haupt das allerwichtigste. Ist einmal ein Anfang gewonnen, so ist viel

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