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I. Abteilung. Abhandlungen.
gewonnen. Die Leichtigkeit des Heiluugsanfanges liegt darin, daß es nur ein
Heilmittel giebt; daß dasselbe nicht bloß bei dieser oder jener Individualität hilft,
sondern ein Universalmittel ist; daß es nicht weit gesucht zu werden braucht,
auch nicht viel kostet, auch nicht von der Klugheit der beratenden Ärzte abhängt,
sondern dem Kranken ganz nahe, ihm in die Hand gegeben ist (5. Mose 30,
11 — 14); denn dieses Universalmittel heißt: ehrliches, aufrichtiges Selbstgericht.
Es versagt auch nicht, hat nach sechstausendjähriger Erfahrung niemals versagt
und wird niemals versagen: denn in dem Maße, wie es zur Anwendung kommt,
in demselben Maße verwandeln sich die aufgedrungenen Z o r n Vorstellungen in
Trauervorstellungen, und in demselben Maße ist dann die Befreiung von dem
zauberhaften Banne im Gange.
An diesen außerordentlich günstigen Eigenschaften dieses Universalmittels hängt
freilich — wegen der Natur des Moralischen — auch eine große Schwierig
keit. Das weiß jeder aus eigenster Erfahrung, der auf diesem Gebiete überhaupt
etwas weiß. Das verdrehte Menschenherz kann sich außerordentlich schwer zur
Anwendung dieses Mittels entschließen. Es wird zuvor Himmel und Erde durch
forschen und den ganzen Erdball umschiffen, um ein bequemeres Hilfsmittel zu
entdecken. Gelingt das nicht, so wird es lieber allerlei Opfer bringen, Wallfahrten
machen, lange Gebete hersagen, sich kasteien und wer weiß, was sonst noch für
Bußwerke thun, als sich nackt und bloß ausziehen und in dieser Nacktheit sich
selber im hellen Sonnenlicht vor die Augen treten. Führt auch das nicht zum
Ziel, merkt der arme Mensch, daß er endlich doch zu Kreuz kriechen muß, dann —
nun, dann wird die letzte Kunst aufgeboten: er verurteilt sich wirklich, ganz und
gar — wie es scheint; die stärksten Worte, die er finden kann, sind ihm nicht
stark genug, um seine große Verderbtheit zu bezeichnen; aber alles in allgemeinen
Ausdrücken, konkrete Sünden und Untugenden werden nicht genannt, höchstens
einige Lappalien. Warum das? Was soll das? Er beichtet in Bausch und
Bogen, um, wenu's geraten will, in Bausch und Bogen, in einem Ruck und
kurzerhand absolviert zu werden. Es ist der sublimierte Pharisäer, der sich
hier entpuppt, — der letzte Kunstgriff, den der alte Adam versucht, um an dem
wahren, echten Sclbstgericht vorbeizukommen. Dieser Dämon fährt zu allerletzt
aus; das Selbstgericht muß sehr gründlich und sehr lange fortgesetzt worden sein,
ehe es ihn gewahr wird und ans Licht ziehen kann. —
Man könnte denken, der himmlische Erzieher müsse doch wohl irgend ein
Mittel haben, um den Sünder schließlich zu einer echten Selbstprüfung heranzu
nötigen. Allein durch die Natur des Moralischen sind selbst der Allmacht sozu
sagen die Hände gebunden. Die Ethik muß in irgend einem Maße in das
bewußte Wollen des Menschen eingehen; ohne das kann kein Handeln ent
stehen, das moralisch heißt. Und beim Selbstgericht muß ebenfalls in irgend

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