Ans dem Nachlasse 's F. W. Dörpfelds.
57
einem Maße das eigene Wollen des Menschen beteiligt sein, sonst ist es kein
Selb stgericht, kein moralisches. Da liegt der entscheidende Punkt. Was nun?
Überschüttet Gott den Menschen mit Wohlthaten und guten Tagen, so segnet der
sich, und bildet sich immer mehr ein, das falle ihm von Rechtswegen zu und sei
alles sein Verdienst. Schickt er ihm trübe Tage, so murrt er und rebelliert, aber
an Selbstgericht wird nicht gedacht. Wollte dann Gott eine noch schärfere Rnte
gebrauchen, so würde riskiert, daß der Sünder schreit: nein, das ist nicht auszu
halten, und dann zum Revolver greift. Da wäre dann das Übel ärger geworden.
So steht also die moralische Erziehung und damit auch das Selbstgericht unter
einem Gesetz, das in der Natur des Moralischen liegt. Freilich läßt Gott kein
Mittel der Güte und des Ernstes unversucht, um die verirrte Seele zu einem
Anfange des Selbstgerichts zu bewegen. Auch das Letzte, auch das Größte, was
eine grundlose Liebe, Gnade und Barmherzigkeit leisten kann, ist ihm nicht zu
groß gewesen. Er läßt jedem Sünder sagen, wie er schon dem ersten gesagt hat:
„Ich selbst will Feindschaft stiften", — ich selbst will die Sache in die Hand
nehmen: mein Blut für dein Blut (Apg. 20, 28.) Wo diese Liebe gemerkt
und verstanden wird, da wird sie gewiß ein mächtiger Antrieb zum Selbstgericht,
der nicht nachläßt, bis er zum Siege durchdringt. Allein es muß doch immer
erst ein, wenn auch noch so leiser Anfang einer Selbstanklage in der Seele vor
handen sein, sonst wird ihr für diese Liebesosfenbarung Gehör, Gemerk und
Verständnis fehlen. So bleibt es allerdings wahr: an dem Universalmittel des
Selbstgerichts hängt auch eine gewisse Schwierigkeit; „die Pforte ist enge".
Wiederum ist glücklicherweise auch wahr, daß diese Schwierigkeit, genauer
besehen, bis auf das äußerste Minimum vermindert ist, und nur dem ver
kehrten Sinn abschreckend groß erscheint. Es handelt sich nicht um etwas, das
Leistung heißen könnte, nickt um Thaten, noch um Opfer (Entbehrungen);
sondern lediglich darum, daß einer dem ethischen Gesetze Gottes wider sich selber
recht gebe (Luk. 7, 29. 30), sei es vorab auch nur in einem Punkte, sei es auch
nur ein leiser, schwacher Anfang der Selbstanklage und Trauer, der in einem
Seufzer ohne Worte ausbricht. Der treue Schöpfer in guten Werken, welcher
der Menschenseele die Gewissensanlage eingepflanzt hat, läßt auch unausgesetzt sein
Auge offen stehen über dieses Samenkorn, sehnsüchtig wartend, ob es keimen
werde, — sehnsüchtiger, als der Landmann auf das Sprossen seiner Saat wartet.
Und wenn dann jener erste Selbstanklage-Seufzer laut wird — ein Zeichen, daß
die Ethik zu Herzen genommen ist — und also der edle Same zu keimen be
ginnt: so gerät alsobald der ganze Himmel in Bewegung vor- Freude darüber,
daß ein neuer Gottesmensch vor der Geburt steht, und es sind alle himmlischen
Kräfte bereit, um zu schützen und zu helfen, daß der durch die Geburtswehen
hindurchkomme, fröhlich weiter wachse und gedeihe. Es wird wahr bleiben, was
geschrieben steht: „Er läßt nicht fahren die Werke Seiner Hände;" und es muß

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.