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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens re.
Befähigung und Bildung. Anders verhält sich die Sache bei der Frage nach den
Schwankungen des Bewußtseins bei demselben Individuum. Die Erfahrung lenkt
unsern Blick zunächst auf die leiblichen Vorgänge und deren Einfluß auf
die seelische Thätigkeit. Es ist eine bekannte Thatsache, daß man bei körperlicher
Ermüdung, bei Störungen des leiblichen Organismus zu geistiger Arbeit wenig
aufgelegt ist. Der Bewußtseiusraum wird dabei mehr oder weniger eingeengt.
Die deutlichsten Beispiele dafür bieten Ohnmacht und Schlaf. In diesen Zuständen
ist das Bewußtsein ganz geschwunden, der Bewußtseinsraum so eingeengt, daß
gar keine Vorstellungen mehr darin Platz haben. Herbart hat diesen hemmenden
Einfluß leiblicher auf seelische Vorgänge, der bis zur völligen Unterdrückung dieser
sich steigern kann, als leiblichen oder physiologischen Druck bezeichnet.
Aber der leibliche Druck genügt nicht zur Erklärung aller Erscheinungen.
Jeder kann an sich die Beobachtung machen, daß auch innere psychische Ein
flüsse hier thätig sind. Eine vergleichende Betrachtung der im Bewußtsein stehenden
Vorstellungen ergiebt, daß diese nicht bloß durch ihren Inhalt, sondern auch hin
sichtlich ihrer Stärke, Klarheit und Deutlichkeit mitunter sehr vonein
ander abweichen. Eine weitergehende Beobachtung führt zu der Thatsache, daß
bei stärkerem Hervortreten einzelner Vorstellungen die übrigen mehr oder weniger
an Helligkeit verlieren und endlich ganz aus dem Bewußtsein verschwinden. Zahl
und Helligkeit der gleichzeitig bewußten Vorstellungen stehen
in umgekehrtem Verhältnis zu einander. Die stärkeren Vorstellungen,
in denen das Bewußtsein konzentriert erscheint, üben gleichsam einen Druck auf
die schwächeren aus, der mit zunehmender Stärke der ersteren steigt und schließlich
mit vollständiger Verdrängung der letzteren endigt. Da haben wir zugleich das
Phänomen der Aufmerksamkeit vor Augen. Wenn die Helligkeitsunterschiede der
im Bewußtsein stehenden Vorstellungen sehr gering sind, so daß keine Vorstellung
merklich über die andern hervorragt, so haben wir denjenigen Geisteszustand, den
wir als Gleichgiltigkeit oder auch als Zerstreuung zu bezeichnen pflegen. Tritt
dagegen der vorhin dargestellte Fall ein, daß die Vorstellungskraft der Seele sich
auf einen engen Kreis von Vorstellungen konzentriert, der dadurch in hellerer Be
leuchtung erscheint, so ist die Seele aufmerksam. Die Aufmerksamkeit er
scheint demnach als eine Verengung und Konzentration des Be
wußtseins auf einen kleinen Kreis von Vorstellungen. Es ergiebt
sich daraus zugleich, „daß Bewußtsein und Aufmerksamkeit in Wahrheit eins und
dasselbe sind, und daß, wenn die letztere als Nebenphänomen ausdrücklich her
vortritt, wo wir sie dann besonders bemerken, dies nichts anderes bedeute als den
intensiveren Grad von Helligkeit, mit dem ein bestimmter Vorstellungsinhalt be
leuchtet erscheint, während schlechthin gar kein Bewußtsein ohne irgend einen Grad
von Aufmerksamkeit möglich ist (I. H. Fichte)." Umgekehrt kaun man darum
auch das Bewußtsein bezeichnen als den Kreis von Vorstellungen, auf denen unsre
Aufmerksamkeit ruht.
Worin hat nun die Aufmerksamkeit ihren Grund? Wie kommt es, daß
einzelne Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen von der Masse der andern Vor
stellungen sich abheben, stärker bewußt werden, in hellerer Beleuchtung erscheinen?
Die Ursache dieser Erscheinung werden wir, soweit es sich um Sinnesempfin
dungen handelt, ohne Zweifel zunächst in den die Vorstellungen veranlassenden
Reizen zn suchen haben. Ein stärkerer Reiz wird im allgemeinen auch ein
stärkeres Hervortreten der Vorstellung bedingen, und die Fortdauer der Vorstellung

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