Die 20, Hauptversammlung des Vereins für Herbartische Pädagogik re. 69
im Bewußtsein hängt im allgemeinen und zunächst ab von der Fortdauer des
Reizes. Aber nicht bloß die Stärke und Dauer des sinnlichen Eindrucks, sondern
ebenso sehr die Neuheit, die Seltenheit und das Auffallende desselben
erregen unsre Aufmerksamkeit. Bekanntlich stumpfen sich unsre Sinne gegen stets
in gleichförmiger Weise sich wiederholende Reize bald ab. Was wir täglich sehen
und hören, wird uns mit der Zeit gleichgiltig. Was dagegen aus dem Rahmen
des Gewöhnlichen, des Alltäglichen heraustritt, das wirkt auf uns mit der ganzen
Macht sinnlicher Frische und Ursprünglichkeit und wird darum auch lebhaft von
uns empfunden. Diese auf der Stärke und Neuheit des sinnlichen
Eindrucks beruhende Aufmerksamkeit bezeichnet Herbart als
ursprüngliche oder primitive Aufmerksamkeit. Sie zeigt sich schon
im frühesten Kindesalter, tritt überhaupt in der Jugendzeit am stärksten hervor.
Mit zunehmendem Alter, mit der fortschreitenden geistigen Entwicklung des Men
schen nimmt sie allmählich ab. Vor dem reicher sich entfaltenden Innenleben tritt
die Macht des Sinnenlebens mehr und mehr zurück. Geistige Bildung und pri
mitive Aufmerksamkeit stehen in umgekehrtem Verhältnis zu einander.
Die primitive wird mehr und mehr durch eine andre Art der Aufmerksam
keit verdrängt, die zunächst an einem Beispiele verdeutlicht wird. Denken wir
uns in eine uns unbekannte Großstadt versetzt. Unser Auge schweift gleichgiltig
über das Gewühl der an uns vorübergehenden Menschen. Da erblicken wir einen
lieben Freund aus unserm Heimatsorte; mit einem Male ist unsre Gleichgiltigkeit
verschwunden, wir sind aufmerksam. Worin liegt hier der Grund der Auf
merksamkeit? — Hätten wir statt des Freundes etwa einen Chinesen in seiner
Nationaltracht gesehen, so wäre unsre Aufmerksamkeit erklärlich. Der Chinese hebt
sich in einer europäischen Stadt scharf von der Masse der übrigen Menschen ab;
er ist eine nach jeder Richtung hin auffallende Erscheinung. Auffallend sind seine
Gesichtszüge, auffallend ist seine Haartracht, auffallend vor allem seine Kleidung.
Der Grund der Aufmerksamkeit beim Anblick des Bekannten ist offenbar andrer
Art. In der Stärke des sinnlichen Eindrucks kann er nicht liegen, denn die be
kannte Person erregt unsern Sehnerv nicht mehr als jede andere; in der Neuheit
noch weniger, denn die Person ist uns ja schon bekannt. Das drängt zu der
Annahme, daß in uns eine besondere Empfänglichkeit für den Eindruck, den jene
Person auf uns macht, vorhanden sein muß. Damit ist aber noch nichts erklärt;
denn nun erhebt sich die Frage, worin denn der Grund für diese besondere Em
pfänglichkeit liege.
Der hier kurz dargestellte Fall der Aufmerksamkeit erklärt sich aus der Lehre
von der Apperzeption. Die Vorstellungen, die sich der Mensch im Verlaufe
seines Lebens erwirbt, bleiben nicht isoliert in seiner Seele, sondern treten in
mannigfache Wechselwirkung miteinander; es entstehen dadurch Gemeinbilder und
Begriffe, es entwickeln sich die höheren Seelenthätigkeiten, Denken, Fühlen und
Wollen. Die schon so innerlich ausgestaltete Seele verhält sich natürlich neuen
Wahrnehmungen und Gedanken gegenüber anders, als sie es ihrer ursprünglichen
Beschaffenheit nach thun würde. Der bereits erworbene Seeleninhalt bildet
gleichsam ein Organ, unter dessen bestimmender Mitwirkung jeder neue Geistes
erwerb und die weitere Ausgestaltung des Seelenlebens sich vollzieht. Was neues
unserm Geiste sich bietet, das wird nicht unverändert angeeignet, sondern muß
sich, je nach den Vorstellungsmassen, die es nach den Reproduktionsgesetzen zur
Entfaltung bringt, mehr oder weniger eine Umgestaltung gefallen lassen, ehe es

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