70
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
mit dem Alten verschmolzen, ehe es in den Gedankengliederbau des Geistes ein
gefügt werden kann. Man bezeichnet diesen Vorgang, durch den also ein-
zelne Wahrnehmungen, Vorstellungen und Vorstelln ngsgruppen
zu verwandten Produkten unseres bisherigen Seelenlebens in
Beziehungen gesetzt, mehr oder weniger verändert und ihnen
eingegliedert werden, mit dem Namen Apperzeption.
Jetzt wird der vorhin angeführte Fall der Aufmerksamkeit verständlich. Der
Anblick des Bekannten in der fremden Großstadt läßt sofort eine Apperzeption in
uns entstehen. Eine Menge von Vorstellungen wird in uns aufgescheucht und
drängt sich, vorläufig noch in geringer Klarheit, ungestüm in unser Bewußtsein,
das von ganz andern Gedanken erfüllt ist. Wir erinnern uns, wo wir den Be
kannten zuletzt, wo wir ihn gewöhnlich gesehen haben, wir denken an seine frühere
Umgebung, an Gespräche, die wir mit ihm geführt haben, an gemeinschaftliche Er
lebnisse, an Vorgänge aus seinem Leben rc. Das alles kommt nur unbestimmt,
unklar und verworren uns zum Bewußtsein, aber es genügt, die Erscheinung des
Bekannten zu erfassen und festzuhalten und damit ans der Masse der übrigen
flüchtigen Eindrücke auszusondern und zu größerer Klarheit und Deutlichkeit zu
erheben. Was hier der eine Fall zeigt, das gilt allgemein. Alles, was in uns
apperzipierende Vorstellungsmassen erregt und zur Entfaltung bringt, findet seine,
eben durch diese Masten bestimmte Aufmerksamkeit. Völlig Neues, etwa die
Klänge einer fremden Sprache, reizt unsre primitive Aufmerksamkeit; aber da es
nichts Verwandtes findet, dem es sich assiniilieren könnte und infolgedessen nur
hemmend auf unser Vorstellungsleben wirkt, schwindet die Aufmerksamkeit bald.
Wird vollständig Bekanntes wahrgenommen, so vollzieht sich die Aneignung
rasch und ohne Anstrengung; unser Seelenleben bleibt ohne Förderung, ohne Zu
wachs von Neuem. Daher langweilt uns das tägliche Einerlei. Was unsern
Geist anregen, fördern, h eben, beleben, was unsre Aufmerksam
keit fesseln soll, das muß aus einer glücklichen Mischung von
Bekanntem u n d U n b e k a n n t e m bestehen; e i n Z u v i e l o d e r Z u w e n i g
nach der einen oder andern Seite erzeugt unfehlbar Langeweile.
Diese in der Apperzeption begründete Aufmerksamkeit be
zeichnen wir als apperzipierende oder aneignende Aufmerk
samkeit.
Die apperzipierende Aufmerksamkeit hat die primitive zur Voraussetzung. Sie
ist nicht wie diese unbedingt an die Stärke und Neuheit des sinnlichen Eindrucks
gebunden. Aus einer größeren Zahl von gleich starken Reizen, die gleichzeitig
aus uns einwirken, erlangen diejenigen sofort das Übergewicht, die in uns eine
Apperzeption veranlassen. So wird das Kind aufmerksam, wenn es in der ihm
noch unverständlichen Rede Erwachsener plötzlich bekannte Worte hört. Selbst der
Hund spitzt die Ohren und wendet uns den Kopf zu, wenn von ihm geredet und
sein Name genannt wird. Selbst ganz schwache Reize, die sonst gar nicht em
pfunden werden würden, zieben unsre Aufmerksanikeit auf sich, wenn sie an apperzi-
pierenden Vorstellungen kräftige Hilfen finden. Das ist besonders dann der Fall,
wenn die Vorstellungen gewissermaßen schon auf der Lauer liegen, um die neuen
Wahrnehmungen zu ergreifen, wenn wir uns im Zustande der Erwartung be
finden. Man denke dabei an die bekannten Vexierbilder. Man muß manch
mal lange suchen, bis man die geheime Figur herausfindet. Hat man sie aber
einmal gefunden, so tritt sie so deutlich hervor, daß selbst ein flüchtiger Blick ge-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.