Die 20. Hauptversammlung des Vereins für Herbartische Pädagogik rc. 71
nügt, sie zu erkennen. Ebenso ergeht es uns beim Lesen einer entfernten oder
undeutlichen Inschrift. Wir haben erst große Mühe, die einzelnen Buchstaben
herauszubekommen. Sobald wir aber den Sinn der Inschrift gefunden haben,
sehen wir auch die Buchstaben vollkommen deutlich, die wir vorher nicht zu unter
scheiden vermochten. Der Mangel an Bestimmtheit der äußeren Eindrücke wird
durch die von innen kommenden gleichen oder ähnlichen Vorstellungen ausgeglichen.
Bei jeder Apperzeption haben die emporstrebenden Vorstellungen den Wider
stand der den Geist eben beherrschenden Gedanken zu überwinden. Ob und in
welchem Grade dies gelingt, hängt erstens ab von der Stärke, der Ausbreitung
und der Beweglichkeit der angeregten Apperzeptionsmasse und zweitens von der
Beschaffenheit der das Bewußtsein füllenden Vorstellungsgruppe. Wird der ent
gegenstehende Druck ohne jede Anstrengung überwunden, was dann geschieht, wenn
die zu apperzipierenden Vorstellungen gleich oder nahezu gleich sind, so vollzieht
sich die Apperzeption, ohne daß sie uns merklich zum Bewußtsein kommt, d. h.
ohne daß unsre Aufmerksamkeit erregt wird. Mißlingt der Kampf dagegen ganz
oder zum Teil, so stellt sich ein Unlustgefühl ein, und die zuerst vorhandene Auf
merksamkeit erlahmt gar bald. Wenn endlich der dritte noch mögliche Fall ein
tritt, daß die Beseitigung der hemmenden Vorstellungen zwar Anstrengung er
fordert, aber mit Leichtigkeit vor sich geht, wenn Spannung und Lösung in mä
ßigem Tempo miteinander wechseln, dann entstehen jene Lustgefühle, die bei
jeder gelingenden Thätigkeit sich einstellen und eine gehobene, freudige Stimmung
Hervorrufen. Dadurch wird zugleich ein Verlangen nach Wiederholung derselben
innern Thätigkeit in uns geweckt. Es entsteht ein Bedürfnis, sich mit dem Ge
genstände, der unsre Aufmerksamkeit erregt hat, noch weiter zu beschäftigen und
ihm neue Seiten abzugewinnen. Das ist der Geisteszustand, den man als In
teresse bezeichnet. Es ist „die innige Hingabe au die Gegenstände
des Wissens in Verbindung mit dem anhaltenden Streben,
das Gewußte nicht allein festzuhalten, sondern auch immer voll
kommener zu gestalten" oder wie Herbart, nur das Hauptmerkmal ins
Auge fassend, sagt: „Interesse ist Selbstthätigkeit."
In welchem Verhältnis steht nun das Interesse zur Aufmerksamkeit? Offenbar
sind beide Zustände eng miteinander verwandt. Drbal definiert das Interesse
als eine dauernde Aufmerksamkeit, die sich dem Gegenstände nicht bloß
zuwendet, sondern dauernd von ihm gefesselt und okkupiert wird. Der Referent
hält diese Definition nicht für zutreffend. Die Aufmerksamkeit ist stets ein vor
übergehender Zustand. Sie wechselt mit Zuständen der Zerstreuung und
Gleichgiltigkeit und wendet sich bald diesem, bald jenem Gegenstände zu. Das
Interesse dagegen ist ein dauernder Zustand. Wenn sich die Aufmerksamkeit
in einem bestimmten Umkreise sehr oft bethätigt, so gewinnt der Gedankenkreis,
worin sie wurzelt, dadurch immer mehr an Umfang, Festigkeit und Beweglichkeit;
die Apperzeptionen gehen rasch und leicht von statten, und die damit verbundenen
Lustgefühle regen zu fortgesetzter Bethätigung an. Dadurch erlangt die
Vorstellungsgruppe eine gewisse Bereitwilligkeit zu apperzi-
pierender Thätigkeit; die Vorstellungen geraten in einen dau
ernden Zu st and der Spannung und leichter Erregbarkeit, der
auf die gering st eVeranlassung hin in Aufmerksamkeit übergeht.
Darin besteht die Eigentümlichkeit des Interesses. Das Interesse ist also selbst
nicht Aufmerksamkeit, aber es disponiert zum Aufmerken; es ist die Fähigkeit zur

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