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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens c.
größtmöglichen Bethätigung der Aufmerksamkeit in einem bestimmten Umkreise; es
ist latente, verborgene Aufmerksamkeit, die nur auf die Gelegenheit wartet, in
Thätigkeit überzugehen. Interesse heißt wörtlich dabeisein; mich interessiert alles,
wozu ich sage: ich bin dabei, was zu meinem herrschenden Gedankenkreise in einem
solchen Berhältnisse steht, daß es meine Aufmerksamkeit erregt, sobald es in mein
Bewußtsein eintritt. Ich bin aufmerksam auf alles, was mich interessiert, und
mich interessiert alles, worauf ich öfter aufmerksam gewesen bin.
Jedes Individuum hat seine eigenen Interessen- und Aufmerksamkeitskreise,
die aber selten für längere Zeit hindurch sich gleichbleiben. Unaufhörlich, wenn
auch langsam, finden Verschiebungen statt. Jede Altersstufe, jedes neue Lebens-
Verhältnis, wie die Übernahme eines Amtes, die Gründung einer Familie rc.,
erzeugt neue Interessen und neue Kreise der Aufmerksamkeit, während die alten
sich zum Teil auflösen und verschwinden. „Inhalt und Umfang dessen, worauf
jemand unwillkürlich aufmerkt, und der Grad seines Aufmerkens geben den besten
Aufschluß über die Ausbildung seines Vorstellungslebens, was dessen Eigentümlich
keit, Reichtum und Konsolidierung betrifft" (Volkmann).
Die willkürliche Aufmerksamkeit, der wir uns jetzt zuwenden, steht
unter der Herrschaft des Willens. Wir sind uns bewußt, daß wir unsre Auf
merksamkeit bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand zu konzentrieren vermögen.
Aus dem Sehfelde, das unser Auge umschließt, wählen wir nach Belieben den
einen oder andern Gegenstand, um ihn aufmerksam zu betrachten. Mit deutlicher
Willensanstrengung besinnen wir uns auf ein Wort oder eine Thatsache, die uns
entfallen ist. Beim Denken lenken wir unsre Aufmerksamkeit willkürlich hierhin
und dorthin, indem wir aus den unserm Bewußtsein zuströmenden Vorstellungen
diejenigen aussuchen, die mit dem zu betrachtenden Probleme in Zusammenhang
stehen. Ja selbst eigentümliche Gefühle und Stimmungen vermögen wir nach
Willkür hervorzurufen.
In längerer Ausführung wendet sich der Referent dann gegen die Lehre
Wundts, die alle Aufmerksamkeit auf Willensthätigkeit zurückführt und also
einen Unterschied zwischen willkürlicher und unwillkürlicher Aufmerksamkeit nicht
anerkennt.
Wie äußert sich nun die willkürliche Aufmerksamkeit?
Sie kann zunächst nach außen gerichtet sein und zeigt sich dann als Streben,
ein sinnlich wahrnehmbares Objekt zur Klarheit und Deutlichkeit des Vorstellens
zu erheben. Der Wille vermag hier nur mittelbar einzugreifen, indem er die
Sinnesorgane in eine der Auffassung des Reizes günstige Stellung bringt. Da
mit geht zugleich eine rein innere Thätigkeit Hand in Hand. Sie besteht darin,
Vorstellungen zu reproduzieren, die als Apperzeptionshilfen den neuen Wahr
nehmungen entgegenkommen. Je besser es gelingt, eine solche Apperzeptionsmasse
zu sammeln, umsomehr wird die Sinnesthätigkeit verstärkt: das Sehen wird zum
Spähen, das Hören zum Horchen, die mehr passive Aufnahme der Sinnesreize
zum aktiven Beobachten.
Rein innerlich zeigt sie die willkürliche Aufmerksamkeit beim Denken. Der
mechanische Ablauf der Gedanken, der ohne unsern Willen unaufhörlich vor sich
geht, wird gehemmt, indem eine bestimmte Vorstellung oder Vorstellungsgruppe
im Bewußtsein für längere Zeit festgehalten wird. Dabei hat der Wille eine
doppelte Arbeit zu leisten. Er hat einmal alle in das Bewußtsein sich drängenden
Vorstellungen abzuwehren, die mit dem Gegenstände des Denkens nicht in Be-

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