Die 20, Hauptversammlung des Vereins für Herbartische Pädagogik rc. 73
ziehung stehen und darum störend wirken würden. Er kann ferner gewisse Ge
fühle und Affekte, wenn sie nicht zu stark sind, unterdrücken oder wenigstens in
ihrer Wirkung herabsetzen. Zu dieser negativen, abwehrenden Thätigkeit kommt
dann die zweite, positive Arbeit des Willens. Sie besteht darin, daß der Wille
in den Gang der Reproduktion eingreift und solche Vorstellungen im Bewußtsein
sammelt, die in den Zusammenhang des Denkens hineinpassen. Doch auch hier
vermag der Wille nur mittelbar einzuwirken. Die Meinung, daß er aus dem
Reiche des Unbewußten nach Belieben diese oder jene Vorstellung emporheben
könne, beruht auf einem leicht nachweisbaren Irrtume. Nur mit Hilfe der im
Bewußtsein stehenden Vorstellungen vermag er in das Gebiet des Unbewußten
einzugreifen. Wenn man sich z. B. auf ein Wort oder ein Ereignis besinnen
will, so wird man stets finden, daß das Gesuchte einem schon dunkel vorschwebt.
Wir haben das Bewußtsein, daß es mit diesem oder jenem uns Bekannten auf
irgend eine Weise zusammenhängt, und mit Hilfe dieser bekannten Vorstellungen
gelingt es dann meist, nun auch das Gesuchte zu finden. Die eigentliche Repro
duktion ist also unsrer Willkür entzogen, nur ihre Richtung vermögen wir einiger
maßen zu bestimmen. Aus dem Gesagten ergiebt sich zugleich, daß unser Wollen
aufs engste mit der Ausbildung unsers Vorstellungslebens zusammenhängt. Alle
Thatsachen deuten darauf hin, daß die unwillkürliche Thätigkeit überall die Grund
lage und den Inhalt der willkürlichen bildet. Nirgends ist der Wille schöpferisch,
sondern immer nur ändernd und wählend. Von der Gliederung und Verzweigung
unsrer Vorstellungsmassen und von der Richtung und Art unsrer unwillkürlichen
Aufmerksamkeit hängt es ab, in welchem Grade und in welchem Umfange unsre
willkürliche Aufmerksamkeit sich bethätigen kann. Wo diese innere Bildung fehlt,
da ist das Wollen schwach und kommt über dürftige Anfänge nicht hinaus. Für
sich allein vermag die willkürliche Aufmerksamkeit wenig. Wo ihr nicht die un
willkürliche entgegenkommt, da fehlt ihr sowohl der Inhalt als auch die Kraft.
Ihre Bedeutung beruht darum hauptsächlich darauf, daß sie der unwillkürlichen
vorarbeitet, indem sie in vielen Fällen die Bedingungen zur Entstehung des letz
teren herbeischafft.
Die Aufmerksamkeit hat eine grundlegende B e d e u t u n g für unser gesamtes
Geistesleben. S'.e ist zunächst die subjektive Bedingung für die Klarheit und
Deutlichkeit unsrer Vorstellungen. Wo es an Aufmerksamkeit fehlt, da wird gar
nicht oder höchstens sehr undeutlich wahrgenommen; die Vorstellungen huschen
rasch und unbesehen vorüber und verschwinden meist im Meere der Vergessenheit.
Von nicht geringerer Bedeutung ist die Aufmerksamkeit für das Willen sieben.
Sie ermöglicht die Entstehung umfassender und gegliederter Vorstellungsmassen,
aus denen das Begehren und Wollen sich entwickelt. Durch das willkürliche Auf
merken wird dann weiter der Wille geübt und gekräftigt. Auf der Aufmerksam
keit beruht ferner die erste aller Schülertugenden, der Gehorsam. Sie ist darum
auch für die sittliche Entwicklung der Kinder von hoher Wichtigkeit.
Aus der Bedeutung der Aufmerksamkeit für unser Geistesleben überhaupt
ergiebt sich unmittelbar ihre Bedeutung für den Unterricht. Ohne Auf
merksamkeit des Schülers ist in der That kein Unterrichtserfolg möglich. Sie ist
die Grundvoraussetzung alles Lernens. Daraus erwächst dem Pädagogen eine
doppelte Aufgabe: er muß sich erstens über die Bedingungen Klarheit ver
schaffen, unter denen die Aufmerksamkeit entsteht und zweitens die Mittel kennen

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