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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
lernen, durch die er die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken, zu leiten und zu
erhalten vermag.
Unter den Mitteln, die Aufmerksamkeit im allgemeinen zu wecken und
zu erhalten, steht in erster Linie eine gute Schulregierung. Die Schüler
müssen daran gewöhnt werden, eine gute Haltung zu wahren und den Lehrer
oder den vorgezeigten Gegenstand unverwandt anzuschauen, wie umgekehrt der
Lehrer die Schüler unausgesetzt im Auge behalten muß. Indessen ist auch wieder
vor zu strenger Disciplin zu warnen. Eine unausgesetzte straffe Körperhaltung
verzehrt einen Teil der Geisteskräfte, und das Schreckbild der Strafe, das dem
Schüler unausgesetzt vor Augen steht, muß notwendig hemmend, drückend seinen
Gedankenlauf beeinflussen. Zur Erhaltung der Aufmerksamkeit ist ferner er
forderlich, daß äußere Störungen möglichst fern gehalten werden. Das
Schulgebäude muß in ruhiger Umgebung liegen, damit nicht der Straßenlärm
den Unterricht beeinträchtigt. Auch der Lehrer kann durch seine Person, durch
auffallende Kleidung oder allerlei Angewohnheiten auf die Schüler zerstreuend
wirken. Vor allem ist wichtig, daß er selbst mit ganzer Seele bei der Sache
sei. Sein Interesse weckt das des Schülers. Der Konzentration des Bewußt
seins hinderlich sind manche Anschauungsmittel, namentlich Bilder, die eine
ganze Menge von Gruppen auf einem Blatte vereinigen. Sehr wichtig für die
Erhaltung der Aufmerksamkeit ist, daß ein regelmäßiger Wechsel zwischen
Arbeit und Erholung stattfinde. Jede geistige Anstrengung ermüdet, und
die Abspannung stellt sich um so rascher ein, je weniger noch die Geisteskräfte
des Kindes ausgebildet sind. Daher muß der Unterricht durch Pausen unter
brochen werden, und in den unteren und mittleren Klassen und in Mädchenschulen
auf allen Stufen sollte nach jeder Stunde eine solche Pause eintreten. Die
Länge der Pausen müßte mit der Zahl der gegebenen Unterrichtsstunden wachsen.
Ein Beweis für die abnehmende Geisteskraft ist die Thatsache, daß die Fehler-
zahl in schriftlichen Arbeiten nach dem Schluffe zu in der Regel zunimmt und
daß Diktate, die zu Anfang der Unterrichtszeit gegeben werden, im allgemeinen
besser ausfallen als solche, die in späteren Stunden gemacht werden.
Außer durch die Pausen kann der geistigen Abspannung der Schüler auch
durch eine zweckmäßige Aufeinanderfolge der Unterrichtsfächer eines
Tages entgegengearbeitet werden. Die schwierigsten Gegenstände, die an die Vor
stellungsthätigkeit der Schüler die größten Anforderungen stellen, lege man mög
lichst in die ersten Tagesstunden, die leichteren dagegen in die späteren Bormittags
und die Nachmittagsstunden. Ebenso ist es ratsam, Gegenstände, die das Gemüt
in Anspruch nehmen sollen, auf die Tagesstunden zu legen, wo die Schüler noch
geistig frisch sind.
Von großer Bedeutung für die Aufmerksamkeit ist die Form des Unter
richts, die sich jederzeit dem geistigen Standpunkte des Kindes anpassen muß.
Vor allem ist wichtig, daß der Schüler zur Selbstthätigkeit angeregt werde.
Erst die eigene gelingende Arbeit weckt Lust und Freude. Wo der Schüler zu
einem mehr passiven Hinnehmen des vom Lehrer Dargebotenen verurteilt wird,
wo dieser fortwährend doziert, während jener nur hört, da ist immer die Gefahr
vorhanden, daß die Schüler ihre eignen Wege gehen oder in Träumerei versinken.
Dem wird am besten durch einen regen Wechselverkehr zwischen Schüler und Lehrer
vorgebeugt, wie er in der Unterredung, in Frage und Antwort sich
kundgiebt. Die Fragen hindern den Schüler, dem mechanischen Ablaufe seiner

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