Die 20. Hauptversammlung des Vereins für Herbariische Pädagogik rc. 75
Gedanken zu folgen, und rufen ihn immer wieder zur Sache zurück. Sie lenken
ferner den Blick des Kindes auf bestimmte Punkte, die sonst der Aufmerksamkeit
vielleicht entgangen wären. Damit aber die Fragen ihrem Zwecke entsprechen,
müssen sie bestimmten Forderungen genügen. Zunächst ist da hervorzuheben, daß
sie stets an die ganze Klasse, nicht an einzelne zu richten sind. Die andern
werden sich sonst leicht als nicht gefragt betrachten und sich mit andern Dingen
beschäftigen. Aus demselben Grunde ist es auch nicht ratsam, die Schüler der
Reihe nach zu fragen. Zweitens ist bei der Fragestellung darauf zu achten, daß
der Blick des Schülers nicht zu sehr ans Nebensächliches und Fernabliegendes ge
lenkt werde. Nichts ist der Konzentration des Bewußtseins hinderlicher, als ein
fortwährendes Überspringen von einem Gedankenkreise in den andern. Es ent
stehen dadurch eine Menge von Hemmungen, die es zu einer klaren und ruhigen
Besinnung gar nicht kommen lassen.
Bei der Frage nach der Weckung und Erhaltung der primitiven Auf
merksamkeit kommt zunächst in Betracht, daß alles, was dem Schüler zur
sinnlichen Auffassung dargeboten wird, so beschaffen sein muß, daß starke Reize
von ihm ausgehen. Gegenstände, die angeschaut werden sollen, dürfen nicht zu
klein sein und müssen sich tu günstiger Beleuchtung darstellen. Anschauungsbilder
mit hellen Farben sind wirksamer als dunkel gehaltene rc. Ferner ist von Wichtig
keit, daß Lehrer und Schüler laut sprechen. Doch ist auch wieder vor
zu lautem Sprechen zu warnen. Der Lehrer übertäubt damit nur seine Schüler,
und je lauter er spricht, desto eher werden Plaudereien, Unaufmerksamkeit und
Zerstreuung sich einstellen. Endlich ist noch von Bedeutung, daß Anschauungs
mittel in reichem Maße benutzt werden und daß in der Form des Unterrichts
Abwechslung stattfinde.
Aus der Lehre von der apperzipierenden Aufmerksamkeit ergiebt
sich für den Unterricht zunächst die Weisung, den Lehrstoff so auszuwählen und
anzuordnen, daß er vom Schüler apperzipiert werden kann, und alles, was ge
lehrt wird, zu dem bereits Bekannten in Beziehung zu setzen. Diese Forderungen
werden im allgemeinen im Unterrichte noch viel zu wenig beachtet. Der Verba
lismus geht noch immer in unsern Schulen um. So ist es z. B. ein schlimmer
Fehler des Anfangsunterrichtes, daß in ihm die Fertigkeiten, Lesen, Schreiben
und Rechnen, das Übergewicht haben und daß ihnen gegenüber die Sachgebiete
viel zu kurz kommen. Das umgekehrte Verhältnis wäre das Richtige. Im
Mittelpunkte des Unterrichts sollten dem Kinde „kongeniale" Erzählstoffe stehen,
Märchen, Sagen, biblische Geschichten, bei deren Behandlung stets die Erfahrungen
der Schüler im weitesten Umfange berücksichtigt werden müßten. Ein Unterricht,
der sich nicht oder nicht genügend um die Erfahrungen der Schüler kümmert, wird
niemals auf warmes Interesse, auf dauernde Aufmerksamkeit rechnen können; er
wird ein angelerntes Wissen, aber keine wirkliche Bildung erzeugen. Darum
muß bei Dingen, die an und für sich kein Interesse zu erwecken imstande sind,
dieses erst künstlich wachgerufen werden. Das gilt besonders von den Fertig
keiten, Lesen, Schreiben und Rechnen, die deshalb stets im engsten Anschluß an
die Sachgebiete zu betreiben sind.
Aber nicht bloß in der Unterrichtsklasse, auch auf den höheren Stufen des
Unterrichts werden nur zu häufig Anforderungen an die Fassungskraft der Schüler
gestellt, die ein Interesse am Lehrgegenstande nur bei besonders begabten Schülern

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