76
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
aufkommen lassen, wie an drei Beispielen, am Unterricht in der Geographie,
in der Mathemalik und im Katechismus näher gezeigt wird.
Wie durch zu große Häufung des Neuen, das der Schüler nicht zu apperzi-
pieren vermag, das Interesse abgestumpft wird, so geschieht dies auch, wenn der
Lehrstoff des Neuen zu wenig enthält. Die Gefahr, in diesen Fehler zu ver
fallen, ist namentlich da vorhanden, wo die Lehrstoffe nach konzentrischen Kreisen
angeordnet sind.
Endlich kommt auch noch das Lehrverfahren in Betracht. Von Wichtig
keit ist da die Durcharbeitung des Lehrstoffs nach den formalen Stufen.
Mit jedem Schritte, den dieses Lehrversahren thut, schafft es immer wieder neue
Bedingungen für Entstehung und Fortdauer der Aufmerksamkeit herbei; denn jede
folgende Stufe betrachtet den Gegenstand nach andern Gesichtspunkten, stellt neue
Seiten desselben in den Vordergrund. Von besonderer Bedeutung ist die erste
Stufe, die Analyse oder Vorbereitung, der die Aufgabe zufällt, durch
Ansammlung der geeigneten Apperzeptionsmassen den Schüler zu befähigen, das
Neue, das der Unterricht bietet, gleich mit Verständnis sich anzueignen.
Die willkürliche Aufmerksamkeit hängt ab vom Vorsatze des Zög
lings, setzt also einen gewissen Grad von Selbstbeherrschung voraus und kann
darum nicht ohne weiteres und in beliebigem Umfange vom Schüler verlangt
werden. Bevor es gelingen kann, die Aufmerksamkeit dem Willen zu unterwerfen,
muß sie unwillkürlicherweise schon vielfach geübt worden sein. Es ist darum im
höchsten Grade thöricht, vom Schüler eine willkürliche Anspannung der Aufmerksam
keit zu verlangen, wo nicht zugleich darauf gerechnet werden kann, daß das In
teresse der Willensanstrengung zu Hilfe komme. Die willkürliche Aufmerksamkeit
hat deshalb für den Unterricht nur eine mittelbare Bedeutung, indem sie die
apperzipierende, die dem Interesse entspringt, unterstützt und ihr die Hindernisse
aus dem Wege räumt. Findet der Lehrstoff nicht die genügenden Anknüpfungs
punkte im Geiste des Zöglings, so läßt seine Aufmerksamkeit bald nach, und es
sind immer neue Willensimpulse erforderlich, damit er überhaupt bei der Sache
bleibe.
Aber auch ohne daß ein wirkliches Interesse an der Sache vorhanden ist,
vermag die Aufmerksamkeit dafür längere Zeit gespannt zu bleiben, wenn sie
nämlich durch einen andern Gedankenkreis getragen und genährt wird. Man
spricht dann von einem mittelbaren Interesse. Das Gewollte interessiert
nicht seiner selbst wegen, sondern um eines andern willen, und das Interesse liegt
in diesem andern. So lernt der Schüler vielleicht, weil er unter einer strengen
Disciplin steht; oder der Ehrgeiz treibt ihn; er will seinen Mitschülern den Rang
ablaufen; er zeigt nach dem Lobe des Lehrers rc. Ohne Zweifel können solche
Motive von großer Wirkung sein. Namentlich durch Anspornung des Ehrgeizes
können die Schüler zu den höchsten Leistungen angetrieben werden. Indessen die
Erfolge, die durch solche Mittel erzielt werden, haben eine bedenkliche Kehrseite.
Wer gezwungen arbeitet, ist immer nur mit halbem Herzen bei der Sache und
wird darum auch nicht den rechten Gewinn aus der Sache ziehen. Der Schüler
kann immer noch mehr leisten, als er gezwungen thut. Der Zwang aber erweckt
auch Überdruß; er macht den Schüler satt und des Lernens müde.
Schlimmer noch als die intellektuellen Nachteile bei der Benutzung künstlicher
Reizmittel sind die Folgen für die sittliche Entwicklung des Zöglings. Mit
Recht sagt Ziller: „Ein Schüler, den künftiger Gewinn, den der höhere Platz,

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.