Die 20. Hauptversammlung des Vereins für Herbartische Pädagogik rc. 77
das öffentliche Lob zu Aufmerksamkeit, Fleiß und Thätigkeit antreiben soll, ist
immer der Gefahr preisgegeben, in Roheit zu versinken." Ein Unterricht, der
in der geschickten Ausnutzung solcher Mittel seine Kunst sucht, versündigt sich
schwer an der Jugend und „steht eigentlich außerhalb der pädagogischen Be
trachtungsweise."
Dem erziehenden Unterrichte muß es in erster Linie darauf ankommen, das
unmittelbare Interesse, die unwillkürliche Aufmerksamkeit des Schülers zu gewinnen.
„Wahre Erziehung," sagt Herbart, „wirkt den falschen Triebfedern
auf alle Weise entgegen; sie will keine Lei st ungen, die nicht
aus der rechten Quelle: aus echtem Interesse und echtem Kraft-
und Kunst ge fühl hervorgehen."
In der Diskussion ergriff zunächst Herr Lang ermann aus Barmen
das Wort. In längerer Ausführung suchte er darzuthun, daß die Herbartische
Psychologie und folglich auch die darauf sich gründende Pädagogik sich überlebt
habe. Herbart sei seiner Zeit bahnbrechend gewesen. aber die sich weiter ent
wickelnde Wissenschaft sei über ihn hinaus fortgeschritten. Durch die exakte For
schung seien Ergebnisse zu Tage gefördert worden, die sich mit der Psychologie
Herbarts nicht vereinigen ließen. Herbart habe z. B. bei seinen Untersuchungen
immer nur den erwachsenen Menschen vor Augen gehabt, während man jetzt den
sich entwickelnden Menschen zu begreifen suche und namentlich der ersten Kindeszeit
seine Aufmerksamkeit zuwende. Auch die Ergebnisse der Physiologie, die zu Her
barts Zeiten erst in ihren Anfängen vorhanden gewesen sei, widersprächen dem
Herbartischen System. Dasselbe gelte von den Resultaten der Forschungen auf
dem Gebiete der Psychiatrie. Zudem sei Herbarts Psychologie intellektualistisch,
während die neuere Psychologie sich zum Voluntarismus im Sinne Wundts
bekenne.
Der Referent suchte die Einwendungen des Herrn Laugcrmann gegen die
Herbartische Psychologie als nicht stichhaltig darzuthun. Daß Herbart bei seinen
Forschungen immer nur den erwachsenen Menschen vor Angen gehabt und um
das Seelenleben des Kindes sich nicht gekümmert habe, sei ein Irrtum. Auch
seien von Herbartianern, z. B. von Strümpell und Grabs, eingehende Be
obachtungen über das Seelenleben des Kindes angestellt worden, nirgends aber
habe sich dabei etwas gefunden, was in dem Rahmen des Herbartischen psycho
logischen Systems sich nicht unterbringen lasse. Richtig sei, daß die Physiologie
uns über das Verhältnis von Leib und Seele genauere Aufschlüsse gegeben habe,
die Herbart noch nicht habe in Rechnung ziehen können. Doch widersprächen diese
Ergebnisse keineswegs dem Herbartischen System, sie ließen sich vielmehr sehr gut
damit vereinigen. Herbart selbst sei auf diesem Gebiete seiner Zeit voraus geeilt
und habe bereits die Richtung angegeben, in der diese Forschungen sich bewegen
müßten. Es sei sein Verdienst, durch zwei allgemeine Begriffe, den des physio
logischen Drucks und den der physiologischen Resonanz, die Be
ziehungen zwischen Leib und Seele im großen und ganzen zuerst klar dargelegt zu
haben. Auch die Geisteskrankheiten habe Herbart, entgegen der Behauptung des
Herrn Langermann, in den Kreis seiner Betrachtung gezogen (S. Lehrbuch zur
Psychologie §§ 142—149 und Psychologie als Wissenschaft §§ 166—168).
Auch seien tüchtige Psychiatriker ans der Schule Herbarts hervorgegangen (z. B.
Griesinger, dessen „Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten" bereits
in fünfter Auflage vorliegt). Wenn man endlich aus dem Intellektualismus der

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