78 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Herbartischen Psychologie der Herbartischen Pädagogik einen Strick drehen wolle,
so sei das ein ganz verkehrtes Unterfangen. Man könne ja die Psychologie Her
barts intellektualistisch nennen, insofern sie die Erkenntnisthätigkeiten, das Vor
stellen, als das Primäre im Seelenleben setze und das Wollen erst aus dem Vor-
stellungs- und Gefühlsleben sich entwickeln läßt, während Wundt und andere
neuere Psychologen den Willen für ein ursprüngliches Vermögen des Menschen
halten und ihre Lehre darum als voluntaristisch bezeichnen. Herbart befinde sich
mit seiner Erklärungsweise in Übereinstimmung mit der neueren Naturwissenschaft,
die überall das Zusammengesetzte aus Einfachem erkläre; das Zusammengesetzte
aber seien die Willenserscheinungen, das Einfache die Vorstellungsthätigkeit. Die
Lehre Wundts habe in der Erfahrung keinen Halt; ein Wille, der vor allem
Vorstellungsleben schon vorhanden sein solle, sei eine unvollziehbare Vorstellung.
Wenn man aber die Herbartische Pädagogik als intellektualistisch bezeichne, so sei
das grundverkehrt. Intellektualistisch sei z. B. die Pädagogik Diestcrwegs,
der die Verstandesbildung für die Hauptsache erkläre. Die Herbartische Pädagogik
dagegen betrachte die Willensbildung für das A und O der Erziehung und die
ganze Lehre vom Interesse, die in der Herbartischen Pädagogik einen so breiten
Raum einnehme, sei ein lauter Protest gegen den Intellektualismus.
Die Debatte über diesen Gegenstand wurde noch längere Zeit fortgesetzt, bis
der Antrag gestellt wurde, die Angelegenheit, die mit dem Inhalte der Abhand
lung doch nur in sehr entfernter Beziehung stände, zu verlassen. Die weitere
Besprechung drehte sich dann hauptsächlich um die Berechtigung der konzentrischen
Kreise. Die Mehrzahl der Redner sprach sich dagegen aus. Der vorgerückten
Zeit halber mußte die Besprechung bald abgebrochen werden.
Auf der Tagesordnung der Nachmittagsversammlung stand eine Abhandlung
von Direktor Di-. Just aus Altenburg über „die Form des Unterrichts."
Eine kurze, zusammensaffende Inhaltsangabe der trefflichen Arbeit läßt sich wegen
der zahlreichen Einzelnntersuchungen, die sie enthält, kaum geben. Wir begnügen
uns darum mit einigen Bemerkungen.
Die Hanptsorm des Unterrichts ist die Unterredung oder Disputation
(Ziller), wie sie im Wechselgespräch zwischen Schüler und Lehrer, in Frage und
Antwort, sich kundgiebt. Wichtig ist vor allem, daß die Schüler zur Selbst-
thätigkeit angeregt werden. Daraus ergeben sich verschiedene Forderungen
in Bezug auf die Beschaffenheit der Gesprächsimpulse, insonderheit der Frage, als
der Hauptvertreterin derselben. Die Fragen müssen so beschaffen sein, daß sie
a) eine Antwort im Sinne des Lehrers hervorzurufen fähig sind, b) des Kindes
Aufmerksamkeit dem Unterrichtsstoffe zuzuwenden und bei demselben zu erhalten
vermögen, e) das Nachdenken des Kindes zu erregen imstande sind. An zahl
reichen Beispielen, die fast sämtlich katechetischen Werken, wie denen von Schütze,
Zezschwitz u. a., entnommen sind, wird dann gezeigt, wie wenig diese Forderungen
meist beachtet werden. Nach diesem ersten, kritischen Teile folgt dann als positiver,
aufbauender Teil eine Darstellung des Lehrgesprächs wie es aus der Durch
arbeitung des Stoffes nach den Formalstusen sich ergiebt.
Die lebhafte Besprechung zeigte, daß die Versammlung mit den Forderungen
Dr. Justs im allgemeinen einverstanden war. Mehrere Redner sprachen sich
scharf gegen das zergliedernde Abfragen aus, bei dem die Schüler nur mechanisch
die Fragen des Lehrers zu ergänzen brauchen. Als besonders wichtig wurden

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