I. Abteilung. Abhandlungen.
zukcitechisieren und gar zum wörtlichen Memorieren aufzugeben; oder etwa
aus den Klassikern etliche hundert Belegstellen für seine Theorie des griechisch-
römischen Volkstums und der Klassicität herbeizuziehen und den Schülern einzu
prägen, in dem Wahn, nun hätte er den destillierten „Geist" des Altertums
rein und lauter ihnen eingepflanzt; — anstatt die Klassiker selbst sinnig und
verständig lesen, wiederlesen und memorieren zu lassen?" (II, S. 23). In der
That, die Gewohnheit hat uns so abgestumpft, daß wir einmal durch solch einen
drastischen Vergleich auf die Ungeheuerlichkeit oder, wenn dieser Ausdruck zu stark
scheint, die Unnatur der üblichen Katechismuserklärungen hingewiesen werden
müssen. Und wem das etwa noch nicht durchschlagend erscheint, der möge auch
noch den anderen Vergleich Dörpfelds in Erwägung ziehen: „Wenn man aus den
Klassikern den „Geist" abstrahieren und destillieren kann und diese Abstraktionen
eben so wahrhaftig sind als konkrete, anschauliche Gebilde: warum giebt dann
die Mutter dem Säuglinge statt der Milch nicht die extrahierten Bestandteile
derselben, — Wasser, Butter. Milchzucker, Kasein u. s. w ? Ist es aber
mit der Ernährung der Seele anders, als mit der Ernährung des Leibes? Es
ist nichts anders; hier wie dort müssen die Nahrungsmittel, zumal die ersten,
organische Gebilde sein; für das Seelenleben nennen wir sie Anschauungen. Die
nächste und hauptsächlichste ethische Speise der Seele ist die unmittelbare oder
mittelbare Anschauung von Personen nach ihrem äußeren und inneren Leben"
(II, S. 23 f. Vgl. I, S. 103).
Das ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob Dörpfeld den Katechismus
an sich als Ziel und Norm für den Religionsunterricht, geschweige als kirchliches
Bekenntnisbuch verwerfe. Allerdings, von den mehr oder weniger dickleibigen
Katechismusbearbeitungen, den Auslegungen der kirchlichen Katechismen, nach denen
die christliche Glaubens- und Sittenlehre in fertigen Antworten, Definitionen und
Lehrsätzen gelernt werden soll, findet kein einziges Gnade vor seinen Augen.
Und ebenso will er von dem regelrechten Durchkatechisieren der symbolischen Kate
chismen nichts wissen. Aber auf Grund des religiösen Anschauungsunterrichts
muß gerade Dörpfeld, der so ernstlich auf das Verständnis dringt, auch einen
Reflexions- und Abstraktionsunterricht fordern, damit keine der auf dem An
schauungswege gefundenen Wahrheiten und Erkenntnisse wieder verloren gehe.
Nur liegt die große Abweichung von dem herrschenden Verfahren darin, daß
wirklich auch alle Erkenntnisse auf dem Wege der anschaulich erbaulichen Betrach
tung gewonnen und dann schließlich gesammelt nnd geordnet werden, womit man
dann freilich auf einen Katechismus hinauskommt. Also „ein schließliches Zu
sammenfassen der christlichen Lehre in einen kurzen kirchlichen Ausdruck, wie z. B.
der kleine lutherische Katechismus ihn gewährt. Wenn das Kind nicht durch die
biblischen Geschichten soweit geführt ist, daß es Luthers kleinen Katechismus auch
ohne umständliche Katechisationen versteht, sondern den christlichen

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