Die Herbartische Pädagogik in Holland.
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seine Freunde für die Ausbreitung und Anwendung der neuen Lehren seit Jahren
entwickelt haben, beginnt jetzt Früchte zu bringen. Die Herbartsche Pädagogik hat
nämlich in der letzten Zeit bei unsern westlichen Nachbarn bedeutend an Feld ge
wonnen; die Zahl ihrer Anhänger hat von Jahr zu Jahr zugenommen, auch ist
ihr Einfluß auf die bisherige Schulpraxis immer größer geworden. Die Ab
neigung gegen alles preußische und deutsche Wesen, die mau früher wohl bei den
Holländern antreffen konnte, ist nach und nach geschwunden und hat auf päda
gogischem Gebiet einem stetig zunehmenden Interesse für die Werke der neueren
deutschen Pädagogen, namentlich derjenigen aus der Schule Herbarls, Platz ge
macht. Wie die praktischen Holländer die Lehren der wissenschaftlichen Pädagogik
aufnehmen, mögen uns folgende Worte des Semiuardirektors H. Boumau aus
Amsterdam zeigen, mit denen er die letzte Jahresversammlung der „Vereenigiug
voor Paedagogiek" eröffnete: „Die wissenschaftliche Pädagogik kann sich in unserm
Lande keiner ursprünglichen philosophischen Systeme rühmen, obwohl es uns an
Philosophen, die dazu den Grund legten, nicht gefehlt hat. Wir machen uns
deshalb gern das zu nutze, was auf diesem Gebiete anderwärts geschieht; wir
richten aber dabei — das liegt in der Art des niederländischen Volkes — unsere
Aufmerksamkeit vor allem auf die Anwendung der Theorie auf die Praxis. Bleiben
wir bei dieser frischen, selbständigen Beurteilung der pädagogischen Theorien, denen
wir gern all unser Interesse schenken, und suchen wir uns den praktisch-pädago
gischen Sinn zu erhalten, der das wissenschaftliche Studium der Pädagogik hoch
schätzt, aber in der wohlerwogenen Anwendung derselben seine Kraft sucht." Bei
einer solchen Stellung ist es leicht erklärlich, daß die Schriften unsers bergischeu
Altmeisters Dörpfeld den Holländern besonders gut gefallen. Von seinen didak
tischen Schriften ist zunächst „Denken und Gedächtnis" recht günstig aufgenommen
und beurteilt worden?) „Mit Büchern dieser Art," schrieb gleich nach dem Er
scheinen der Übersetzung ein holländischer Schulmann, „ist in Niederland der
Markt nicht überladen. Ist es schon eine Seltenheit, ein Werk erscheinen zu
sehen, das die Erziehung und den Unterricht im ganzen behandelt oder das eine
!) 5lnm. der Red. Die erste Schrift Dörpfelds, die den Holländern in ihrer
Sprache geboten wurde, ist wohl das von unserm Mitarbeiter Rumscheidt, Hauptlehrer
an der deutschen evangelischen Schule im Haag, übersetzte Enchiridion, Rumscheidt hat
auch in Verbindung mit verschiedenen andern Lehrern an konfessionell-evangelischen
(„christlichen") Schulen seit Anfang der siebziger Jahre eine Zeitschrift herausgegeben,
,,Paedagogische Bijdragen,“ die in jährlich acht Lieferungen erscheint (16 Bogen) und
für die Anführung deutscher Pädagogik, speciell auch Dörpfeldscher Gedanken, sich wesent
liche Verdienste erworben hat.
Die ganze Arbeit Dörpfelds zu würdigen und zu verwerten, war wohl niemand in
Holland geeigneter, als Dörpfelds Lieblingsschüler und Freund Rumscheidt.
Der tiefe Riß, der namentlich in den ersten Jahrzehnten nach 18->7 durch das
holländische Volksschulwesen ging, brachte es mit sich, daß Rumscheidt und seine Freunde
sich mit ihren .Paed, Bijdr. nur an die Lehrer und Freunde der konfessionell-evangeli
schen Schule wenden konnten; er macht es auch verständlich, wenn diese Zeitschrift
einen weitergehenden Einfluß nicht erlangt haben mag.
Rumscheidt und seine Freunde haben der Sache der christlichen Erziehung in Hol
land Opfer gebracht, die wir uns unter unsern Schulverhältnissen kaum vorzustellen
imstande sind. Sie kannten sagen: Feinde ringsum, und was das Traurigste war, aus
den Reihen der Konfessionellen, aus dem eignen Lager, kamen ihrer Arbeit oft die
schlimmsten Hemmungen und Trübungen.
Ich habe die Entwicklung der holländischen Schulverhältnisse in den letzten Jahren
nicht genauer verfolgen können Es erscheint mir aber als ein höchst erfreuliches Zeichen,
daß sich Lehrer der Staats- und Konfessionsschulen zu pädagogischen Verhandlungen

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