Die Herbartische Pädagogik in Holland.
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für das Studium der Pädagogik wachgerufen und viele jüngere Lehrer, namentlich
solche, die durch de Raafs Seelenlehre gut vorbereitet waren, zum selbständigen
Denken über psychologische und pädagogische Fragen geführt.
Auch die Schriften Dörpfelds über die Schulverfassung sind den Holländern
zum Teil bekannt geworden. „8st Schoolblad,“ die größte holländische Schul
zeitung, die de Raaf in Verbindung mit einem Gymnasial- und einem Volksschul
lehrer herausgiebt, hat seine Leser seit Jahren in die neuere Pädagogik einzuführen
gesucht und sie über alle wesentlichen Vorkommnisse in der Schule Herbarts unter
richtet. Um seine Landsleute auch mit den Schulverfassungsplänen des von ihm
so hoch geschätzten Dörpfeld bekannt zu machen, brachte de Raaf zunächst eine
Übersetzung der Rede, die Dörpfeld am 29. Dezember 1890 bei Gelegenheit der
Hauptversammlung des Herbart-Vereins in Barmen über Schulreform hielt. Dann
gab er in einem folgenden Aufsatz die Hauptgedanken des Fundamentstückes wieder.
Er benutzte dabei besonders den Anhang zur ersten Lieferung, weil derselbe vieles
enthält, was auch für die holländischen Schulverhältnisse beachtenswert ist. Durch
die holländische Schule geht bekanntlich ein unheilvoller Riß, es ist der schroffe
Gegensatz zwischen der religionslosen, oft sogar religionsfeindlichen Staatsschule
und der besonderen, streng konfessionellen Schule. Ich empfehle jedem, in dem
Schriftchen von Rektor Horn über Hollands Volksschulwesen x ) einmal nachzulesen,
wie die Schulverfassungsfragen die Gemüter der Holländer schon seit langen Jahren
in Aufruhr gebracht haben. Der leidige Schulstreit, unter dem die holländische
Schule viel gelitten hat, ließe sich bedeutend mildern, vielleicht auch gänzlich
schlichten, wenn die Holländer die Grundsätze Dörpfelds für eine gerechte, gesunde,
freie und friedliche Schulverfassung beachten wollten. Ein erfreuliches Zeichen ist
es jedenfalls, daß man in Holland an verschiedenen Orten auf Dörpfelds Reform
vorschläge aufmerksam geworden ist. So hat Herr W. Jansen, Hauptlehrer an
einer besonderen (evangelischen) Schule in Utrecht, in der Proviuzial-Lehrerversamm-
lung daselbst auch an der Hand der ersten Lieferung des Fundamentstückes über
„Ideale und Wünsche für unsere Volksschule" einen Vortrag gehalten und sich
warm für Dörpfelds Idee der freien Schulgemeinde ausgesprochen.
Nachdem ich in den bisherigen Ausführungen vornehmlich darüber berichtet
habe, wie Dörpfeld den Niederländern bekannt geworden ist, will ich im folgenden
noch in aller Kürze zeigen, wie die Herbartianer Hollands bestrebt gewesen sind,
die von Herbart und seinen Schülern ausgehenden Gedanken auch ihrem Vater
lande nutzbar zu machen. Herbarts Lehren waren in Holland vereinzelt schon vor
30 Jahren bekannt; aber erst der rührigen Propaganda der Herren de Raaf
und I. Geluk (Rektor in Dinteloord in N.-Brabant) ist es gelungen, ihnen in
weiteren Kreisen Anerkennung zu verschaffen. Diesen beiden Hauptvertretern der
Herbartschen Pädagogik haben sich in der letzten Zeit mehrere Amsterdamer Rek
toren und Lehrer als tüchtige Mitkämpfer an die Seite gestellt.
Alle diese Herren haben in den letzten Jahren eine rege litterarische Thätig
keit entfaltet. De Raaf hat außer „Denken und Gedächtnis" noch die Große
Unterrichtslehre von Comenius ins Holländische übersetzt und für den Seminar
unterricht neben seiner Seelenlehre noch ein ausgezeichnetes Lehrbuch der Er
ziehungslehre geschrieben, das ganz auf Herbartschem Boden steht. Sodann gab
er in einem Schriftchen, das jüngeren Lehrern zur Vorbereitung auf die Haupt-
9 Berlin, Verlag der Deutschen Lehrerzeitung. Preis 50 Pfg.

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