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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
einzutreten. In den Hauptversammlungen der „Vereenlging voor Paeda-
gogiek,“ die alljährlich au einem der letzten Tage des Dezembers in Utrecht ab
gehalten werden, ist nun schon mehrere Jahre nacheinander über die Herbartsche
Pädagogik verhandelt worden. Der „Vereinigung für Pädagogik," die seit 1857
besteht, gehören Schulaufseher und Lehrer der höheren, mittleren und niederen
Schulen, und zwar der öffentlichen wie der besonderen an. Bereits im Jahre
1867 hielt Herr Gymnasiallehrer Kollewijn aus Amersfoort, der Übersetzer von
Drbals Psychologie, in diesem Verein einen Vortrag über Herbart; aber die
Mehrheit der Vereinsmitglieder, unter denen sich viele Anhänger von Dittes und
Spencer befinden, stand den Bestrebungen der Herbartianer gleichgiltig und feindlich
gegenüber. In den letzten Jahren hat sich aber auch hier allmählich ein Um
schwung vollzogen. Ein Gegner Herbarts, Seminardirektor Kruyder aus Deventer,
sprach vor einigen Jahren über die Einteilung der Pädagogik in Regierung,
Unterricht und Zucht, daun im vorigen Jahre über die Herbart-Zillerschen Lehr-
stufen (de formeele leertrappen). Die Anhänger Herbarts hatten vollauf zu
thun, die Gegner über irrige Auffassungen aufzuklären und ihre ungerechtfertigten
Angriffe abzuwehren. Die Debatten haben aber den Nutzen gehabt, daß durch
sie manches Mitglied des Vereins angeregt worden ist, sich mit der Pädagogik
Herbarts mehr vertraut zu machen. In der diesjährigen Generalversammlung
(am 29. Dezember 1894) wird de Raaf einen Vortrag über die Konzentration
des Unterrichts halten und einen auf den Grundgedanken Herbarts und Zillers
sich aufbauenden Lehrplan für die holländische Volksschule vorlegen. Da in der
holländischen Staatsschule der Religionsunterricht fehlt, hat de Raaf folgende Ge
sinnungsstoffe in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt, für die beiden ersten
Schuljahre eine Reihe passender Märchen, Fabeln und anderer Erzählungen, für
das dritte Schuljahr Robinson, für das vierte Sagen und Geschichten der Heimat,
für die übrigen Schuljahre die vaterländische Geschichte. Die Stoffe der anderen
Unterrichtsfächer sollen sich diesen Konzentrationsstoffen soviel wie möglich an
schließen. Zu Utrecht wird es bei der Besprechung dieses Lehrplans jedenfalls
wieder zu lebbaften Debatten kommen; aber aus allem, was ich als Gast in
einer Versammlung selber gesehen und was ich von den beiden letzten Versamm
lungen gelesen und gehört habe, ist es mir nicht zweifelhaft, daß auch hier die
Gedanken Herbarts den Sieg davontragen werden.
Ich könnte nun noch einiges berichten von dem Einfluß, den die neuere
Pädagogik bereits auf die bisherige Schulpraxis ausgeübt hat. Von dem frischen
Leben, das sich in Hollands Lehrcrwelt zu regen beginnt, mögen folgende Mit
teilungen Zeugnis geben. Im Laufe des vorigen Jahres erschienen drei ver
schiedene Schriften über Schulwanderungen, die diese als einen integrierenden Teil
des Schulunterrichts fordern. Eine dieser Schriften enthält einen sehr schönen
Lehrplan für Schulwanderungen (durch Arnheim und Umgegend). Nach diesem
Plan sollen die Schüler der beiden ersten Schuljahre jährlich sechs, die der übrigen
Schuljahre jährlich zwölf Exkursionen zu bestimmten Beobachtungsgebieten unter
nehmen. Der Ausführung von Schulwanderungen und Schulreifen hat man sich
in Holland und in Belgien mit großem Eifer zugewandt. Die Holländer haben
von je her großes Gewicht auf gute Anschauungsmittel gelegt; daher ist es zu
erklären, daß die deutschen Anschauungsbilder von Leutemann-Lehmann, Engleder,
Kafemann, Lutz, Kehr-Pfeiffer u. a. in den holländischen Schulen sehr viel ge
braucht werden. Neuerdings haben auch zwei Herbartianer, Douma und Len, in

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