Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc.
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Halbbildung unter dem Volke verbreitet wird. Einen Beweis
dafür liefern die Zustände unseres öffentlichen Lebens, die überall einen Mangel
an geistiger und sittlich-religiöser Bildung erkennen lassen. Zwar würde es ver
kehrt sein, die Schule für alle Mängel, die sich in Familie, Gemeinde, Kirche
und Staat zeigen, allein verantwortlich zu machen oder alle Heilung für die
selben von ihr in erster Linie zu erwarten. Sie ist eben nur ein Faktor
unseres öffentlichen Lebens, dessen Wirksamkeit in hohem Grade mitbedingt wird
durch die Art und Weise, wie die übrigen Faktoren ihn unterstützen. Aber
ebenso verkehrt wäre es, den Einfluß der Schule zu unterschätzen und sie von
aller Schuld freisprechen zu wollen. Es ist doch unbestreitbar, daß die Schule,
wenn es ihr an Pflege fehlt, auch das nicht leisten kann, was sie andernfalls
leisten könnte. Und in diesem Sinne behaupten wir, daß die Überbürdung mit
Schülern in Verbindung mit andern Übelständen es dem Lehrer unmöglich machen
muß, einen wahrhaft erziehenden Unterricht zu erteilen.
Über das Wesen des erziehenden Unterrichts herrschen vielfach die unklarsten
Vorstellungen, selbst bei denen, die der Schule und dem Unterrichte nahe stehen.
Da meint man, zum erziehenden Unterrichte genüge es, wenn der Lehrer ein
sittlich tüchtiger Mann sei, oder wenn er recht viele Religionsstunden gebe?)
Andre meinen, der Unterricht wirke erziehend, wenn er an mittelbare Tugenden,
wie Ordnung, Reinlichkeit und Höflichkeit gewöhne. Ja, man glaubt wohl gar,
jeder Unterricht sei in gewissem Sinne ein erziehender. Dagegen behauptet die
Pädagogik, der Unterricht könne nur dann als ein erziehender gelten, wenn er
den Zögling dahin zu bringen suche, sein Denken der Beurteilung durch ethische
Ideen zu unterwerfen und sein Thun diesen entsprechend zu gestalten. Um letz
teres herbeizuführen, muß der Unterricht als mächtigste Triebfeder für sittliches
Handeln die Religion zu Hilfe nehmen, da die Ethik nur lehrt, was sittlich und
unsittlich ist, zur Ausführung des als gut Erkannten aber nicht genügend Kraft
verleiht. Nur der Unterricht, der sittlich-religiöse Charakterbildung als sein
oberstes Ziel erkennt, dem er alle andern Ziele unterordnet, wirkt erziehend.
Denn um jenes Ziel zu erreichen, muß er seine Zöglinge zum Wollen und
Handeln bringen und zugleich ihr Wollen in religiös-sittlichem Sinne beeinflussen.
Allerdings'. bedarf ^ er dazu der Unterstützung aller der Faktoren, die auf die
Charakterbildung Einfluß haben, besonders der Hilfe des Elternhauses und der
Gemeinde. Allein da jene meist planlos wirken, der Unterricht aber planvoll,
so ist seine Wirkung eine bedeutendere, als gewöhnlich angenommen wird. Wenn
in Religion, Geschichte und Litteratur den Schülern Beispiele einer ethisch-reli-
9 Diese Ansicht fördert leider die Einrichtung von Halbtagsschulen auch da, wo
die Schülerzahl nicht allzu hoch ist. So mancher Geistliche meint die erziehliche Wirkung
des Unterrichts erhöht zu haben, wenn von 20 Stunden der Oberklasse 5 und von 12
der, Unterklassen 4 Stunden Religionsstunden sind.

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